Wohngemeinschaft mit dem Antichrist - ich lebe in einem Cohen-Brothers Movie


Wenn ich nach Hause kam, war es so, als könne ich auf magische Art und Weise als einziger Mensch in die Muppet-Show klettern. Mit seinen schwarzen, zotteligen Haaren, der schwarz umrandeten Nerd-Brille und seiner schluffigen Körperhaltung wirkte Graham wie der Dritten im Bunde mit Waldorf und Statler. Er war die personifizierte Definition eines nutcase.

Grahams Tag war akribisch eingeteilt in mindestens vier Stunden gemütliches Kiffen auf dem Balkon in Kombination mit extensiven Alkoholkonsum, den obligatorischen acht Stunden arbeiten gehen und zwölf Stunden Schlaf. Am Wochenende variierte dieser Zyklus, da er dann eine Reihe anderer Substanzen zu sich nahm und sein Körper in der Verarbeitung dieser meist harsch aus seinem sonst so durchplanten Schlafcluster herausgerissen wurde.

Sprach ich ihn auf die Löcher in seinen Hemden und Hosen an, sagt er, das gehöre zum Style. Vielleicht sahen das nicht alle bei ihm auf der Arbeit so - aber er sprach ohnehin nur mit denen, die für die Gehaltschecks zuständig waren. War ein Loch einmal zu groß, zog er sich halt seine stylische, braune Lederjacke drüber, bevor er den Chef in seinem Büro aufsuchte.

 Photo: Sarah Katharina Kayß

Photo: Sarah Katharina Kayß

Das mit dem Hemden abends bügeln, um morgens Zeit zu sparen, hielt Graham für eine spießige Idee. „Bügeln ist was für Loser,“ hatte er mir direkt am ersten Tag in unserer Wohnung erklärt. Für Leute, die zu viel Zeit haben. Das hatte er natürlich nicht, da die zwölf Stunden Schlaf strikt eingehalten werden mussten. Man kann sich entweder Pullis über die Hemden ziehen, dann sieht keiner, ob die gebügelt sind oder sich morgens in der Bahn so eng an die Bahnfahrer rechts und links von einem kuscheln, dass man so geschwitzt ist, dass das Hemd von selbst glatt wird, (wenn der Schweiß im Büro dann wieder trocknet.) Jeden Tag lernte ich etwas Neues von Graham. Er war wie ein wandelndes Lexikon für Verrückte.

Morgens brauchte Graham eine gewisse Grundpanik, um überhaupt noch wach zu werden. Das Dauerkiffen hatte die normale Aktivität seines Körpers irgendwann auf ein Minimum beschränkt. So redet er in der Regel mit geschlossenen Augen, um ein wenig Energie zu sparen. In Kombination mit den sechs bis zwölf Bierchen pro Abend, resultiert dies nicht nur, wie vielleicht bereits vermutet, in blaue Flecken, sondern auch demolierte Möbel und jede Menge Scherben, die er zumeist versuchte vor mir zu verstecken. So, als würde es mir nicht auffallen, dass irgendwelche Gegenstände verschwunden sind, nur weil ich nicht mit ihren Überresten konfrontiert wurde. An so Abenden wie dem, als Graham mit seiner Schranktür im Arm in die Küche marschiert kam und fragte, ob er die vielleicht auf dem Balkon lagern könnte, da sie in seinem Zimmer Platz wegnehme, fragte ich nicht mal, warum die nicht da war, wo sie eigentlich hingehört.

Seitdem Graham eingezogen war, waren alle Fragen in unserer Wohnung in Camden rhetorischer Natur. Vor allem hatte ich es in der Nacht zuvor schon laut Krachen gehört und mir ausgemalt, welches Möbelstück er wohl dieses Mal zertrümmert hat - in der Hoffnung, dass es nicht seine Zimmertür gewesen sei. Die stand zwar ohnehin meistens offen, aber ich war froh, dass ich sie zumindest schließen konnte, wenn ich abends heim kam und Graham halb nackt auf seinem Bett lag, weil er es nicht mehr so recht geschafft hatte, die Boxershorts richtig hochzuziehen, nachdem er sich selbst mit irgendeiner neuen Droge abgeschossen hat.

Spätestens wenn man einmal in der Woche im Zimmer seines Mitbewohners prüft, ob dieser noch am Leben ist, weiß man, dass man vielleicht doch noch eine Woche länger nach einem neuen Mitbewohner hätte suchen sollen. Obwohl es in London eigentlich üblich war, sich nach der Arbeit im Pub zu treffen, holten mich meine Freunde nun immer zu Hause ab. Nur, um Graham sehen zu können und ein paar der Geschichten, die sie am Anfang pardu nicht glauben wollten, selbst erleben zu können. Graham war eine Attraktion des Wahnsinns. Bei uns zu Hause war es, als käme man ins Disneyland ohne Achterbahnen. Meine Freunde liebten Graham, weil er wie ein Clown war, den niemand bezahlen musste: Ob er nun schlafend mit Rotweinglas in der Hand auf dem Balkonstuhl saß oder meinen Freunden zeigte, wie er seinen Arm in die falsche Richtung verdrehen konnte.

*** ***

Eigentlich nahm Graham fast alle Kalorien in Form von Alkohol zu sich. Wenn er eine Ausnahme machte und selbst kochte, vergaß er dies meist und schlief dann auf dem Balkon oder im Bett ein. Das passende Spiel zu dieser Prozedur lautet: Was war das mal? In den Kochtöpfen fand ich Kartoffeln, die schon so lange gekocht hatten, dass sie aufgrund des nicht mehr vorhandenen Wassers ein Teil des Kochtopfs geworden waren. Wenn man Sojasprossen und asiatische Langnudeln zu lange auf dem Herd lässt, verwandeln sie sich in haarähnliche Fasern, die ausschauen, als wenn jemand ein Haartoupet gegart hätte. Irgendwann ging ich zwangsläufig davon aus, dass Graham unsere Wohnung abfackeln würde, aber es passierte nie. Manchmal stank es noch zwei Tage später nach den verbrannten Nahrungsmitteln bei uns in der Wohnung, aber es passierte nie etwas Schlimmes.

Wenn man ihn fragte, was er da versucht hatte zu kochen, konnte er sich meist nicht einmal mehr daran erinnern, was er zuvor in den Kochtopf geschmissen hatte. Dann wühlte er im Müll nach Hinweisen darauf, was er versucht hatte zu kochen. Da Graham das Töpfe-sauber-kratzen zunehmend auf die Nerven ging, begann er spanischen Schinken auf Vorrat zu kaufen, den er dann einfach so aus der Hand aß. Das einzige Gericht, das ihm niemals angebrannt ist, waren seine gerösteten Kartoffeln mit Chorizo, einer spanischen Knoblauchwurst. Er schnitt die Wurst und die Kartoffeln in kleine Stücke, manchmal zusammen mit Brokkoli oder kleinen Blumenkohlköpfchen und schüttete massig Öl drüber, um alles zusammen im Bräter bei uns im Ofen zu garen. Er liebte dieses Gericht viel zu sehr, als dass er es hätte anbrennen lassen. Wenn es Chorizo gab, saß Graham in der Küche und starrte die Glastür des Backofens an, bis sein Essen fertig war.

Das Rumsitzen und in den Raum starren hatte Graham perfektioniert. Wenn ich ihn drauf ansprach, worauf er gerade warte oder ob er über etwas Bestimmtes nachdenke, sagte er immer nur platt: „Nö, ich sitz hier nur so.“ Marvellous, Graham.

Es gab so unendlich viele Situationen, bei denen ich wirklich unschlüssig war, ob ich lachen oder weinen wollte. Beispielsweise, wenn ich abends heim kam und in der Waschmaschine ein paar Socken gewaschen wurden. Graham saß mal wieder in der Küche und starrte die Wand an. Ich dachte an die gestiegenen Nebenkosten, seitdem er eingezogen war und dass ich finanziell kaum noch hinterher kam. Graham ließ grundsätzlich in allen Zimmern Licht an. Wenn ich nach Hause kam und er nicht da war, musste ich erst einmal durch alle Zimmer gehen und das Licht ausschalten. In seinem Raum war aufgrund des verschlossenen, schwarzen, dauerhaft zugezogenen Fenstervorhangs immer Licht an. Es machte auch keinen Sinn, das mit ihm zu diskutieren, da er mir dann das Gefühl gab, als sei ich der spießigste Erwachsene, der ihm jemals untergekommen war. Das Licht ließ er am nächsten Tag ohnehin wieder an. Ähnlich verhielt es sich auch mit der Waschmaschine. Ich versuchte es daher irgendwann entweder gar nicht mehr oder auf die liebe Art und Weise.

Graham, sehe ich das richtig, dass da nur ein paar Strümpfe in der Waschmaschine sind?

                „Ja, die werden gerade gewaschen,“ sagte er. Das tat er gerne - selbsterklärende Zustände noch einmal erklären. So wie: schau mal, die Sonne scheint. Oder: ich trinke gerade Bier.

Hattest du sonst nichts zum Waschen?

Doch, aber ich wollte das nicht extra alles zusammen suchen. Das mach ich am Wochenende… wenn ich genug Zeit habe.“

Weil: Zeit hatte er nur für wichtige Dinge. Wenn unsere Vermieterin sich ankündigte, hatte er auch nie Zeit. Dann musste ich mir auf der Arbeit frei nehmen, um daheim zu sein, nur, um nachdem sie wieder gegangen war, festzustellen, dass Graham doch da gewesen war: Er hatte sich aus strategischen Gründen neben und nicht in sein Bett gelegt zum Schlafen, so, dass man ihn nicht sehen konnte, wenn man in sein zugemülltes Zimmer kam.

Ich lebte nicht nur mit Graham, sondern auch in einer Dauerunterhaltung mit mir selbst, in der ich mir mindestens siebenmal am Tag selber ein langes WUUUUSAAA zurief, tief einatmete und dann wieder versuchte meinem Leben nachzugehen, ohne das Bedürfnis zu haben, Graham die Pfanne über den Kopf hauen zu wollen. Die Grundregel dazu lautete: Niemals Gegenstände in der Küche liegen lassen, auf die du nicht verzichten kannst – denn Graham schaffte es auf magische Art und Weise entweder alles zu zerstören oder – alternativ: Ungefragt auszuleihen und dann irgendwo zu vergessen. Ich kaufte Schirme mittlerweile im Doppelpack und versteckte immer mindestens einen unter meinem Bett, was nicht bedeutet, dass Graham den nicht auch irgendwann fand.

Du kannst in Zukunft auch meine Sachen mit dazu nehmen, wenn du nicht genug Klamotten für einen Waschgang hast… wenn du möchtest. Du weißt ja, wo der Wäschekorb in meinem Zimmer ist,“ versuchte ich es also freundlich.

Ja, ok. Is ja nicht so, als wenn ich nicht selbst was zum Waschen hätte, ich wollt da jetzt bloß nicht so ne große Welle machen. Bin ganz schön kaputt von der Arbeit.“

Aber die Socken…“ setzte ich an und Graham unterbrach mich mit – „ja, die brauch ich morgen, ich hab keine sauberen mehr.

Grahams Zimmertür ließ sich seit zwei Tagen nicht mehr schließen, weil so viele Anziehsachen auf dem Boden lagen, dass die Klapptür nicht mehr zu ging. Ich drehte mich um und blickte in sein Zimmer. Rechts vor der zugestaubten Stereoanlage lagen ein paar bunte Strümpfe und direkt neben ihnen ein kleines, rot-gepunktetes Feuerzeug, von dem ich wusste, dass Graham es schon seit Tagen suchte. Wie gesagt: Wuuusa.

Mal wieder kam ich mir vor, als würde ich in einer Komödie leben, in der meine einzige Aufgabe war, dem Hauptprotagonist dabei zuzusehen, wie er alle um sich herum in den Wahnsinn treibt. Das Waschproblem klärte ich, indem ich Grahams Sachen zusammen mit meinen Anziehsachen zu waschen begann. Wann immer ich waschen wollte, forderte ich ihn auf, mir seine hellen oder dunklen Klamotten ins Badezimmer zu legen. Ein großer Aufwand für den Herren, den ich ihm nur schmackhaft machen konnte, indem ich ihm die Waschaktion als eine selbstaufopfernde Zeitverschwendung meinerseits verkaufte. (Was sie in der Tat ja sogar war.) Manchmal hängte ich ihm die Wäsche auch direkt auf, um Kosten zu sparen, da Graham sie sonst unaufgehängt erst einmal zwei Tage bei sich im Zimmer rumstehen ließ. Anschließend warf er sie dann einfach wieder in die Waschmaschine, um sie noch einmal zu waschen, da sie zu muffeln begonnen hatte.

Kyle, ein Freund von Jules, der abends häufig bei uns im Hinterhof saß, mit Leonidas spielte und rauchte, schloss Wetten mit seinen Kumpels darauf ab, wie lange es dauern würde, bis Graham nachdem er nach Hause gekommen war, brauchen würde, um mit einem Joint in der Hand auf den Balkon zu marschieren. Andere wetteten abends, wie lange es dauern würde bis Graham zur Haustür gelangte. Es gab einen kleinen Treppenabsatz vor unserer Eingangstür. Die Treppenstufen waren sehr schmal geschnitten und ungewöhnlich hoch, was ihr Besteigen im betrunkenen Kopf schon schnell zu einer Herausforderung werden lassen konnte. Wenn Graham abends aus dem Pub kam, hörte ich ihn immer schon, bevor er überhaupt begann, die Treppe hoch zu steigen. In der Regel ließ er seinen riesigen Schlüsselbund mindestens zweimal herunterfallen und kommentierte das Ganze dann lautstark mit einer Fülle an englischen upper class Schimpfwörtern. Außerdem wankte er meist so, dass er die Hälfte der Schritte, die er schon zurückgelegt hatte, aus Gleichgewichtsproblemen auch immer wieder zurückwanken musste. So konnte es durchaus mal zehn Minuten dauern, bis er endlich an der Haustür angekommen war.

*** ***

Manchmal setzte er sich auch zwischendurch hin, um einen Augenblick zu verschnaufen oder fiel hin. Gerade das passierte in regelmäßigen Abständen. Zweimal im Jahr schaffte er es, so ungeschickt hinzufallen, dass er sich das Schultergelenk auskugelte, so, dass er ins Krankenhaus musste. Ob er dort als Unfallursache angab fünf lines Koks, Bier und Wein durcheinander und so viele Joints und Zigaretten, wie ich mir an dem Abend leisten konnte – ich bezweifle es.

Eines Abends klingelte Grahams Handy, das er auf dem Balkon liegen gelassen hatte. Ich wohnte schon etwas länger als vier Monate mit ihm zusammen und passte mich mittlerweile recht gut seiner Schichtarbeit an. Phasenweise war das Zusammenleben mit ihm wirklich sehr harmonisch, da wir beide unseren Leben nachgingen und einen freundlichen Umgangston miteinander pflegten, wenn wir mal in der Wohnung aufeinander trafen. Graham war ein interessanter Gesprächspartner, wenn er mal nicht high war, was allerdings nur selten vorkam. Ich hatte noch keinen seiner Freunde kennen gelernt, mit denen er sich jeden Abend in unterschiedlichen Pubs in Camden traf, um sein verdientes Geld wieder auszugeben. An dem Abend dachte ich, dass sich dieser Zustand nun ändern würde. Graham schluffte auf den Balkon, bot mir eine Zigarette und ein Stella Dosenbier an und nahm dann das Handy in die Hand.

Ja, hallo? … ja ja, das war ich. Kommst du rum? …. Ah sehr gut, wo denn? …. Ja, das ist richtig, siehst du den kleinen Laden an der Ecke? …. Genau, na dann park da – ich wohn direkt in dem Haus neben dem neu gestrichenen. Siehste? …. Ja, in der ersten Etage. … warte, ich komm mal raus…“ sagte Graham und lief mit seiner Zigarette im Mund los durch unseren Wohnungsflur Richtung Haustür. Ich lief ihm hinterher bis in mein Zimmer, um einen Blick in meinen großen Standspiegel werfen zu können, um mich zu versichern, dass ich nett aussah. Ich nahm an, endlich einen von Grahams Kumpeln kennen zu lernen, aber nach ein paar Minuten kam er alleine mit ein paar Flaschen Bier unterm Arm zurück.

„Wo ist dein Kumpel?“, fragte ich, ersichtlich enttäuscht darüber, dass er wieder alleine zurückgekommen war.

                „Welcher Kumpel?“

„Na der, der eben angerufen hat.“

                „Das war kein Kumpel, das war mein Dealer…“

„Was?“

„Ja, der hat mir ein paar Sachen vorbei gebracht. Ich hatte nichts mehr hier und der wohnt in so ner seltsamen Gegend in Mile End, da wollt ich nicht extra hinfahren…“

„Dein Dealer weiß jetzt also, wo wir wohnen?“, fragte ich entsetzt und hakte direkt nach, „das ist DER Dealer, der dich auf Pump kaufen lässt ja, und DER weiß jetzt wo WIR wohnen?“

                „Ja. Ich versteh jetzt nicht, warum du die Frage zweimal stellst…“

„Ich bin vielleicht nicht so angetan von der Idee, dass der Dealer, bei dem du Schulden hast, weiß, wo wir wohnen… ich wohn hier schließlich auch…was mach ich denn, wenn der mal anklingelt und du bist nicht da…“

                „Dann sagste halt, dass ich nicht da bin.“

„Und wenn der Geld haben will.“

                „Dann sagste halt, er soll mich anrufen.“

„Ich will damit aber überhaupt nichts zu tun haben, Graham. Ich will den Typen nicht mal kennen lernen…“

                „Bleib mal ganz ruhig, der ist völlig korrekt…“

„Der ist ein Dealer, in London, hauptberuflich, ja?“

                „Is ja nicht so, als wenn du keine Dealer kennen würdest…“ entgegnete Graham plump und zeigte mit seinem Zeigefinger auf Jules Haus und ergänzte dann „du weißt doch, ist nen ganz normaler Job, eben nur nicht legal.“

„Genau…“

                „Genau, was?“

„Es ist nicht legal. Kannst du deine Drogen nicht direkt bei ihm zu Hause kaufen? Ich seh das gar nicht ein, dass der hierher kommt, Graham – das ist auch mein zu Hause…“

„Jetzt komm ma wieder runter. Der Typ ist völlig in Ordnung. Da brauchste auch keine Angst haben oder so. Ich vertraue dem. Der ist ein guter Mann.“

„Was genau macht dich da so sicher?“

                „Der ist mit ner Jamaikanerin verheiratet“, erklärte Graham und schloss seinen Satz mit einem dicken Punkt ab, um mir so verständlich zu machen, dass die Unterhaltung für ihn damit beendet war. Das kannte ich ja schon von vorherigen Mitbewohnern in meinem Leben.

Nachdem Graham eine Woche später herausfand, dass unsere Vermieterin nur eine Straße entfernt von uns wohnte und häufiger an dem Haus, in dem wir lebten, vorbei kam, (um nach dem Rechten zu schauen,) hörte er auf, seinen Dealer zu uns nach Hause kommen zu lassen. Er wolle schließlich keinen schlechten Eindruck vor unserer Vermieterin machen, gab er als Begründung an. Einen schlechten Eindruck bei mir zu machen, schien aber in Ordnung zu sein.

 

 Photo: Ian Forknall

Photo: Ian Forknall

Einmal flog ich ein Wochenende nach Hause und fand Graham in seinem Bett, als ich abends wieder in unserer Wohnung in Camden ankam. Das war nichts Ungewöhnliches. Auch nicht, dass ich keine Atemgeräusche hörte und er ein wenig leblos aussah. Was mich etwas beunruhigte, war, dass sein Radio lief. Das nutzte er üblicher Weise eigentlich nur als Wecker. Außerdem war zwischen seinem Kopf und dem Bett ein Spinnennetz gespannt.

Ich stellte mich neben sein Bett und sagte mehrmals laut seinen Namen, ohne eine Reaktion von ihm zu erhalten. Dann überlegte ich, wie lange er da wohl schon so liegen musste, in Anbetracht dessen, dass die Spinne genug Zeit gehabt haben muss, ihr Spinnennetz an ihm zu flechten. Ich erwischte mich dabei, wie ich begann darüber nachzudenken, was ich wohl tun musste, wenn er wirklich tot sei. Ich kannte nicht mal die Notrufnummer in England. Panisch blickte ich aus unserem Fenster zum Balkon hin und sah, dass bei Jules Licht an war, was mich ein wenig beruhigte. Dann krabbelte ich zu Graham ins Bett und strich ihm über seinen Arm und sagte noch einmal laut seinen Namen. Nach mehrmaligem Anstupsen wurde er endlich wach und nörgelte dann den ganzen Abend, dass er einen steifen Hals habe, weil er dumm gelegen hätte. Daran, wann er sich hingelegt hatte und ob dies am selben Tag oder doch vielleicht schon den Tag vorher gewesen war, konnte er sich nicht mehr erinnern.

Alle paar Monate verlor Graham seinen Schlüsselbund. Manchmal in Kombination mit seinem Rucksack und allen Arbeitssachen. Mittlerweile schrieb er auf der Arbeit nur noch die Unterzeilen zu den Videos, die das Nachrichtenportal der Zeitung für die er arbeitete ins Internet stellte. Es schien so, als traue sein Chef ihm keine andere Aufgabe mehr zu. In Anbetracht dessen, dass es Graham manchmal zu Hause schwer fiel einen vollständigen Satz zu Ende zu denken, geschweige denn zu Ende zu sprechen, wunderte ich mich ohnehin, dass er seinem Job als Journalist überhaupt noch nachgehen konnte.

„Kann ich mir vielleicht eine von deinen DVDs leihen?“ war so ein klassischer Graham-Satz, den er natürlich erst sagte, nachdem ich schon in die Küche gekommen war und frage, worauf er denn da seinen Joint drehe.

„Ist das meine Stirb Langsam DVD?“ redete ich weiter, im Wissen, dass dies eine Frage war und deswegen unbeantwortet bleiben würde.

Wenn um viertel vor Neun alle bei Graham im Büro eintrudelten, hörte ich ihn im Badezimmer daheim zum ersten Mal die Tür zuschlagen. Das Taxi stand dann bereits draußen vor der Tür und der Fahrer hupte immer wie verrückt, weil er Angst hatte, dass er umsonst gekommen ist. Was in der Regel folgte, war eine Aneinanderreihung panischer Bewegungen, die noch lauter ausfielen, als die normalen Bewegungen von Graham, die ich allesamt am anderen Ende der Wohnung durch zwei geschlossene Türen hindurch hören konnte. In Kombination mit dem Piepsen seines Weckers, dem laufenden Wasser in der Küche und seinen „scheiße, scheiße, scheiße“-Ausrufen, war das allmorgendliche Grahams-Skript wie das Drehbuch für ein modernes Theaterstück.

Wenn ich Glück hatte, zerstörte er auch nur einmal die Woche ein Glas. Ich kaufte daher eine ganze Kiste alter Gläser im charity shop an der Camden Town Station. Fünf davon standen meist irgendwo in Grahams Zimmer, halbgefüllt zwischen Unterwäsche und Zigarettenstümmeln und schimmelten vor sich hin – er zerstörte grundsätzlich nur Gläser, die im Schrank standen. Auch nach über einem Jahr Zusammenleben mit Graham, schien er noch immer anzunehmen, dass unsere Küche selbstreinigend war. Das Geschirr war gespült und stand wieder im Regal wenn er nach Hause kam und die Gläser die er tagsüber zerstört hatte, waren auf magische Weise wieder heile – anders konnte sich Graham die Welt nicht mehr erklären. Nichts war sicher vor ihm.

Zwar ersetzte er meist alles, was er entwendet oder zerstört hatte, allerdings nie mit denselben Dingen, sondern irgendetwas Neuem. Dies veranlasse mich dazu, ihn den Neukauf von irgendetwas Entwendetem oder Zerstörtem auch erst gar nicht mehr vornehmen zu lassen: Ich setzte ihm alles in Rechnung zusammen mit den Nebenkosten und marschierte dann abends selbst los und kaufte was Neues. Graham war großzügig mit Geld und zu einem richtigen Streit kam es eigentlich nie. Er schien mir so maßlos benachteiligt vom Leben, dass ich mich auch gar nicht traute, ihm seine eigenen Fehler aufzuzeigen. Wenn wir uns mal in die Haare bekamen, dann eigentlich immer nur, weil er nachts die Türen so laut zuschlug, dass ich senkrecht im Bett saß oder erst gar nicht so recht zum Einschlafen kam.

*** ***

Den Haushalt schmiss ich alleine. Graham sagte, er könne nicht staubsaugen, weil es ungesund für ihn sei Staub einzuatmen. Koks ging aber. Er könne keine Spinnen aus dem Badezimmer entfernen, weil die Glück bringen. Er schlief bei allem ein: Beim Lesen, beim Kochen, beim Arbeiten – nur beim Kiffen nicht. Sein Handy sah aus, als hätte er es aus fünf Metern Entfernung volles Rohr gegen eine Hauswand geschmissen. In seinem Zimmer gab es keinen Durchgang, da er immer alles dort stehen und liegen ließ, wo er es einmal hingeschmissen hatte - vor Monaten. Jeder, der zu uns zu Besuch kam, fotografierte immer zuerst Grahams Zimmer, als sei es der Wohnort eines Rockstars.

Man stelle sich das zertrümmerte Zimmer eines Rockstars vor, ohne Pizzareste, dafür mit vom Koks verschmierten Spiegeln sowie Bierflaschen und angetrunkenen Gläsern auf dem Boden, in und auf den Schränken. Dafür keine weiblichen Groupies und keine Instrumente. Graham besaß nur ein paar Bücher und einen Panzerteppich, auf den er ganz stolz war, der aber meist so zugemüllt war mit alten Zeitungen und Wollsocken, dass man ihn ohnehin nicht sehen konnte.

Unmittelbar nach seinem Einzug hatte er sich eine schwarze Decke zugelegt, die er über dem Fenstervorhand anbrachte, damit es zu jeder Nacht- und Tageszeit abgedunkelt war in seinem Zimmer. Manchmal konnte man ihm regelrecht ansehen, dass es ihn überraschte, dass draußen die Sonne schien, wenn er aus seinem Zimmer in die Küche getrottet kam. Er konnte sich seinen Joint sogar mit geschlossenen Augen drehen. Es wunderte mich daher nicht, wenn ich in die Küche kam und er mich erschrocken anstarrte, so, als habe er noch keine Farben an diesem Tag gesehen. Wenn seine Mutter anrief sagt er immer: „Ich habe so viel Arbeit um die Ohren, ich kann jetzt nicht lange sprechen,“ um sich im Anschluss für ein dreistündiges Nickerchen hinzulegen.

Graham wusch sich mit einem Stück Seife, wie in Filmen die Männer im Knast. Deswegen war unsere Handseife im Waschbecken immer voller schwarzer Haare. Die Kühlschranktür zumachen konnte Graham auch nicht, aber er schloss grundsätzlich unser Miniatur-Badezimmerfenster, aus Angst, da könnten Einbrecher einsteigen  ̶ beziehungsweise die kleinen Kinder der Einbrecher. Die waren nämlich hinter seinem Geld her, laut Graham. Angeblich. Verfolgungswahn. Auch Kinder hätten nicht durch das kleine Fenster gepasst, aber es war sinnlos, mit Graham zu diskutieren. Er verstand weder das Konzept hinter Türklinken, noch, warum seine Freundin sich von ihm getrennt hatte. Ich fragte mich, ob er begonnen hatte Drogen zu nehmen, weil sie ihn verlassen hat oder ob sie ihn verlassen hatte, weil er so viele Drogen nahm. Reden konnten wir über sie nicht. Graham wurde dann so traurig, dass es mir das Herz brach.

Wenn er nachts betrunken heim kam, durchsuchte er grundsätzlich alle Küchenschränke nach Bierdosen, weil er wusste, dass ich meine vor ihm verstecke. In der Not tat‘s auch Wein mit Regenwasseressenz, wenn das Glas schon eine Woche auf dem Balkon gestanden hatte. Ich war gut befreundet mit einem Mädchen, das in einer WG über uns wohnte und es gab regelmäßig WG-Parties bei uns im Haus. Egal wie viel Wein oder Bier nach den Parties übrig blieb, wir konnten uns sicher sein, dass die Vorräte in Grahams und meiner Wohnung keine Woche überleben würden. Mit Graham zusammen zu leben bedeutete, dass mich irgendwann einfach gar nichts mehr wunderte.

Das erste Mal, dass er einen Freund mit nach Hause brachte, war mitten in der Nacht. Es war ein Mittwoch und Graham hatte ausnahmsweise mal angekündigt, dass er sich wohl betrinken gehen würde mit einem Freund (als wenn das nicht jeden Tag der Fall sei.) Nachdem er die Haustür so laut zugeknallt hatte, dass das ganze Haus einmal vibrierte und ich aus der WG über uns ein lautes „Alter, geht’s noch“ vernahm, das dann mit Sicherheit auch die restlichen Menschen im Haus aus dem Schlaf gerissen haben wird, lief Graham zusammen mit seinem Kumpel in unseren Hausflur und von dort aus direkt in mein Zimmer.

Das ist meine Mitbewohnerin!“ sagte er stolz. Ich lag mit dem Kopf zum Fenster und somit mit dem Rücken zu ihnen. Mir schoss ein what the fuck? durch den Kopf und ich begann die Bettdecke langsam ein wenig näher zu meinem Gesicht heranzuziehen, um meine Schultern bedecken zu können.

                „Kann ich gar nicht richtig sehen,“ beschwerte sich Grahams Freund und Graham suchte mit seiner Hand die Wand nach dem Lichtschalter ab. Als er in fand, knipste er die Deckenlampe an und sein Freund sagte plump: „Tatsächlich, ein Mädchen.“ Ich dachte noch ich bin ja wohl im falschen Film… als Graham das Licht wieder ausmachte und super schlau feststellte: „Aber sie schläft.

                „Sie schläft,“ wiederholte sein Freund Grahams Worte und die beiden trotteten wieder aus meinem Zimmer heraus, den Flur hinunter in die Küche. Ich musste so lachen. Manchmal dachte ich, Graham konnte mich nicht mehr überraschen, aber er schaffte es immer wieder.

Wenn ich nach Hause kam, erwarteten mich Showeinlagen, die ihres gleichen suchen. So wie Fernsehgucken und Tränen lachen – nur, dass man das Ding nicht abstellen konnte, wenn es dann mal genug war. So schlenderte ich eines Abends an der Badezimmertür vorbei und sah, wie Graham vor dem Spiegel stand und meine Bastelschere direkt auf sein Gesicht zubewegte. In diesen typischen Graham-Situationen gab es nur zwei Möglichkeiten für mich: Entweder ich entschied mich, alles, was ich gesehen hatte, schnell wieder zu vergessen und weiter meinem Leben nachzugehen oder ich fragte nach, was er macht. In dieser Situation entschied ich mich für Letzteres, da ich ein wenig Angst hatte, dass er sich tatsächlich die Schere ins Auge stecken würde.

„Ah, hi, hab gar nicht gehört, dass du schon zu Hause bist. Ich hab mir mal deine Bastelschere geliehen, ne. Die aus deinem Zimmer. Ist ok, nicht?“ setzte Graham an.

                „Ja, kein Ding, aber was machst du denn damit?“

Graham erwiderte „Ich schneide mir die Augenlider links ab,“ als sei dies etwas, das wir alle Dienstagabends machen. Ich lief in die Küche, weil ich nicht den Mut hatte, zu fragen, warum er sich die Augenlider abschneiden will, als Graham mir diese Frage unaufgefordert beantwortete:

„Ich hab mir die rechts mit dem Joint weggekokelt – das fällt aber nicht auf, wenn ich die andere Seite jetzt auch kürze, so, dass die gleich lang sind auf beiden Seiten.“

Ach so. Hallejulia.

Dreimal die Woche Aussperren war Grahams Norm und wenn mein Handy mitten in der Nacht zu vibrieren begann, wusste ich grundsätzlich, wer mich am anderen Ende erwarten würde. Ich kann mich noch gut an einen Tag erinnern, an dem ich Graham vorsorglich angekündigt hatte, dass er bitte mal an seinen Schlüssel denken sollte abends, bevor er auf seiner Bierchen-Tour ging – weil ich am nächsten Tag in der Frühe einen wichtigen Termin hatte und unbedingt mal durchschlafen wollte. Nicht aus Gesundheitsgründen, das hatte ich bereits in der zweiten Woche zusammen mit ihm in einer Wohnung aufgegeben, (ich lebte bereits seit über einem Jahr in einer nie weiterziehenden Marihuana-Wolke), sondern, damit ich am nächsten Tag ausnahmsweise mal ausgeschlafen war, um klar denken zu können.

Aber auch in dieser Nacht begann mein Handy fröhlich vor sich hin zu vibrieren. Im Halbschlaf stellte ich es lautlos und versuchte mit eisernem Willen wieder einzuschlafen, was mir auch zuerst gelang, bis ein Klingelmännchen-ähnliches Dauerklingeln unserer Türschelle hinzukam. Viel zu übermüdet, um wütend zu werden, marschierte ich also in meiner Unterwäsche zur Haustür, um ihn reinzulassen. „Da schau her“ rief er mir zu, während er mir fünfzig Pfund in die Hand drückte und gleichzeitig in sein Zimmer weiterlief, ohne sich in irgendeiner Form zu erklären.

Um nicht noch mehr Zeit zu verplempern, legte ich mich rasch wieder ins Bett und versuchte einzuschlafen, was erst nach einer Weile gelang, da Graham sich entschieden hatte, noch lautstark einen Mitternachtssnack zuzubereiten. Hätten morgens nicht immer noch die fünfzig Pfund auf meinem Schreibtisch gelegen, wäre ich davon ausgegangen, dass ich das alles nur geträumt habe. Vierzehn versäumte Anrufe auf meinem Handy und eine SMS von kurz vor vier in der mir der Gute mitteilte:

„Öffne mir die Tür, dort warten 50 Pfund auf dich.“

Ja, ich lebe in der Sendung mit dem Zonk. Wenn ich nach Hause komme und Türen öffne, warten grundsätzlich Überraschungen auf mich. Eine schockierender als die andere und nur sehr selten Gewinne.

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