Die ersten Tage in Potsdam

Die ersten Tage in Potsdam

Ich kenne keine Menschenseele. Nach fünf Jahren London ist es nachts zum ersten Mal wieder ruhig. Gänzlich. Ab 23 Uhr - Totenstille. Keine Krawalle. Keine Menschen, die Flaschen vor sich die Straße her treten oder nach Mitternacht singend vorm Fenster stehen bleiben, um einen auf Nachtigall zu machen. Die Stunden ohne Internetanschluss gestalten sich als angenehm. Überraschender Weise scheinen die Tage so länger zu sein als sonst. Auf den gedanklichen Merkzettel kommt daher der Vermerk: weniger virtuelle Welt, mehr Natur. Alle fahren Fahrrad und zum ersten Mal in meinem Leben finde ich es nicht schlimm, das zu machen, was (auch) alle anderen machen – mich dem normcore-Potsdam anzupassen. Potsdam verbindet einundzwanzigstes mit achtzehnten Jahrhundert. Alles kommt mir ein wenig surreal vor. Ich frage mich, ob die Potsdamer die Schönheit von der sie umgeben sind überhaupt wahrnehmen. Vielleicht muss man die grauen, herzlosen Bauten aus den Siebzigern kennen, die im Ruhrgebiet die Straßen zieren, um den Prunk der einen hier umgibt schätzen zu können. Endlich verstehe ich, warum so viele nicht-Ruhrpottler das Ruhrgebiet als betonfarben beschreiben wenn ich sie frage. Verglichen mit Potsdam ist der Pott eine eher unattraktive Steppe im Westen Deutschlands der auf innere Werte setzen muss, weil es optisch im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands nicht in Masse Schönheit zu präsentieren gibt.

Der erste Versuch einen Radiosender zu finden war ein Parkour durch Lokalsender, die Potsdam und Umgebung ins Zentrum des Universums stellen. Manche berichten auch über den Rest Brandenburgs oder erwähnen ab und an Berlin, diese kleine, unwichtige und fast schon fad-graue Stadt am Rande des Königreichs Potsdam. Alle samt haben mit dem internationalen Weltgeschehen nicht so viel am Hut. Meine Nachbarin empfiehlt mir abends auch einen Jazz-Sender, weil: die bringen höchstens eine Minute Nachrichten, wenn überhaupt. Aha. Super? Als Nachrichtenhai fühlte ich mich in der Brandenburger Radiolandschaft gestrandet. Die U-Bahn am Stadtrand fährt nicht. In Berlin-nähe (allerdings immer noch in Potsdam, wichtiger Hinweis, wurde dreimal betont) wurde eine Lady von einem Fahrradfahrer angefahren und am Kopf verletzt. Der Fahrradfahrer hat Fahrradfahrerflucht ergriffen und befindet sich – na ja logischer Weise dann wohl - auf der Flucht. Hinweise gerne an den Radiosender. Fast vergessen: das Wetter. Das sogar für Norderney. So, auf der nordischen Insel scheint die Sonne – aber was passiert eigentlich so im Rest der Welt? Ich meine, ich hätte aufgeschnappt, dass da eine Regierung gestürzt wurde, oder? Ha, Fehlanzeige. Das hier ist Potsdam. Wenn du wissen willst, was woanders los ist, dann guck halt die Tagesschau.

Mit dem Fahrrad durch den Park zum Schloss Sanssouci sind es fünf Minuten. Auf dem Hinweg hat es eine halbe Stunde gedauert, nicht nur, weil ich im Wald keine Hinweisschilder gefunden habe, sondern auch, weil ich meine erste Potsdamerin getroffen habe. Eigentlich wollte ich nur wissen, wo der Waldweg hinführt. Die korrekte Antwort wäre gewesen: der rechte Weg zum Ruinenberg (das weiß ich jetzt) – und der linke dafür zum Schloss Sanssouci (aha, da wollte ich ja eigentlich hin), aber die Dame schickt mich nach rechts – das hat eher symbolische Bedeutung, wie ich aber erst im Laufe des Gesprächs erfahren werde.

Wo kommen Sie denn her?

NRW - antworte ich und versuche nach Hinweisen in ihrem Gesicht zu suchen, ob ihr das ein Begriff ist. Kennt sie. Aus dem Schulunterricht.

Damals bei Hitler haben wir ja noch sinnvolle Sachen in der Schule gelernt.

Zack. Keine 10 Sekunden. Egal, wo in der Welt – ich ziehe diese Situationen magisch an. Mein Leben ist ein Meer von Floskeln und Geschichtsbucherlebnissen … Wie lande ich nur immer in diesen Situationen?

Ik bin ja schon mein Leben lang hier, aber nicht in Berlin geboren, sondern weiter nördlich, aber merken tun das nur die echten Berliner.

Wie kommt’s?, frag ich und denke ein paar Sekunden darüber nach, ob man mir den Pott auch anhört.

Na, wie man so spricht halt. Heute die Kinder sagen ja auch alles falsch. Die einfachsten Sachen. Können nichts unterscheiden. ALS ist nicht wie GLEICH. Oder riechen, duften und stinken. Das sind unterschiedliche Wörter. Haben wir damals noch in der Schule gelernt. Also, die zwei Jahre unter Adolf und dann kamen ja die Russen. Und jetzt… hier, sind ja eh alle links?

Tatsächlich, alle? hake ich nach, in der Hoffnung, dass sie das vielleicht noch relativieren wird. Fehlanzeige.

Ja, also hier in Potsdam schon. Alle links. Alle Stasi.

(> nicht lachen Sarah, nicht lachen! <) Ich dachte in Potsdam wären die Leute ein wenig konservativer als in Berlin?

Nein, nein. Die sind alle links. Gott, sind Sie etwa in der Politik oder politikinteressiert?

Schön, dass das scheinbar etwas miteinander zu tun haben muss. Ich entscheide mich für

Schon

der schönsten aller nicht-Antworten. Besser als Jein und Naja zusammen.

Ach, sind sie auch so eine?, fragt sie und zieht die Augenbraue ganz seltsam hoch. Fühlt sich ein wenig an wie Nürnberger-Prozess, halt nur umgekehrt.

Wie, links?

Ja ja.

Nein, ich bin schon eher konservativ.

Ach so.

Bam. Sie wirft mir diesen misstrauischen Blick zu, als checke sie, ob das auch wirklich stimmt und man mir vertrauen kann. Verbündeter oder Feind? Konservativ wird in vielen Kreisen ja auch gerne mit rechts vertauscht. Ihr gelingt das auch. Sie entscheidet sich in Sekunden für die Freund-Version und sagt dann blitzschnell

Ich bin national!

Ich denke noch so, wie? > national…..sozialistisch? <, aber da holt sie auch schon zum nächsten Satz aus, um sich selbst zu erklären:

Weil wir so ein tolles Land sind. Wir haben Hügellandschaf, Feldlandschaft, Moore, Seen, Berglandschaft, die Ostsee, die Nordsee, Küstenlandschaft, Waldlandschaft, Bergbaulandschaft, Wattenmeerlandschaft, Gehölzlandschaft, Gewässerlandschaft, Felslandschaft, Ackerlandschaft…

die Aufzählung geht geschätzte anderthalb Minuten so weiter und beinhaltet alle Landschaftstypen – ich glaube, sogar eine Wüstenlandschaft. Für eine Sekunde überlege ich, ob ich nachfragen soll, wo die denn ist und verwerfe den Gedanken dann doch, um das Gespräch nicht noch unnötig zu verlängern.

Irgendwie erwische ich mich dabei, dass ich denke, dass wir, wenn wir schon Nazis im Land dulden müssen, Landschafts-Nazis ja eigentlich nicht so schlimm sind. Wenn die einzige Forderung die die stellen ist, dass das Ausland anerkennt, dass Deutschland ganz toll ist, weil es so viele unterschiedliche Landschaftstypen vorweisen kann: bitte. Die dürfen bleiben. Parteilich ganz weit rechts von den Grünen: fast nur noch grün und nur noch rechts.

Da die Stechfliegen beginnen ihre Kreise um meine Beine zu ziehen und ich nicht anfangen möchte über die Blumensorten die es in Deutschland gibt zu reden – die uns, keine Frage, natürlich zum besten Land der Welt machen - verabschiede ich mich nett und bedanke mich für die Weghinweise.

Gucken Sie mal, welche Farben ik trage,

sagt sie, bevor ich wieder auf dem Rad bin. Roter Rock, weißes Shirt, schwarze Jacke. Die Frau trägt in der Tat schwarz-weiß-rot. Damit ich das auch wirklich verstehe, betont sie noch einmal

Schwarz-weiß-rot

und ergänzt ganz stolz

das ist Absicht!

Ich denke: Vielleicht doch kein Natur-Nazi und versuche nett zum Abschied zu lächeln, während sie warnend auf meine Sportschuhe zeigt

Und mit Ihren Turnschuhen passen Sie mal besser auf: schwarze Schuhe und weiße Schnürsenkel, da bin ich schon mal für angemacht worden von so linken Typen am Hautbahnhof.

Tatsächlich? Bei Turnschuhen?

Ja, passen Se da auf.

Ich möchte am liebsten lachen, aber sie meint das tot ernst.

Am nächsten Tag begegne ich einem Mann, der mir mit den letzten Einrichtungsstücken hilft und dabei erzählt, was er schon alles für Jobs in seinem Leben hatte. Warum Potsdam und Berlin sich hassen: weil beide verschuldet sind, (lerne ich), aber Potsdam in ein paar Jahren ja nicht mehr, deswegen will man ja auch den Zusammenschluss mit Berlin nicht, obwohl die ja ständig angekrochen kommen damit - Zitat: Es gibt ja nix Besonderes in Berlin. Ist schließlich alles hier. Deswegen ist Potsdam ja auch Landeshauptstadt. Also von Brandenburg. Ist wie so eine Hassliebe.

Aha. Dann frag ich ihn meine Lieblingsfrage: gedient oder verweigert?

Ach das ehrt mich ja, aber so jung bin ik ja nicht mehr - das war ja noch zu DDR-Zeiten damals wo ich groß geworden bin.

Also NVA? Das war doch Pflicht, oder?

Kommt drauf an.

Also haben Sie nicht gedient?

Ja doch. Ich war bei der Stasi.

Alle Stasi hallen die Worte der Dame vom Vortrag durch meinen Kopf… die ersten zwei Jahre in London waren nicht halb so politisch wie die ersten zwei Tage in Potsdam. Ich bin gespannt -

Diktatur etablieren

Diktatur etablieren

Ich tendiere dazu alles so zu machen wie Kim Jong-un. Diktatur ist einfacher als Demokratie, genaugenommen. Das fängt schon bei den kleinen Dingen im Leben an. Fünf Freunde: Freitagabend. Diskussion: Kino, Theater, Tanzen, DVD gucken, Sport oder Stadt? Telefonier- und whatsapp-Wulst. Nach zwei Stunden noch immer keine Einigkeit – der eine will das, der andere will was anderes. Also habe ich es aus Führerperspektive probiert und letzten Freitag allen geschrieben: Wir gehen heute Abend in die Stadt. Treffen: 19 Uhr am Stadtbrunnen. Ein paar haben sich noch die Mühe gemacht OK zu schreiben, die meisten sind um 19 Uhr einfach da gewesen. Leichter als ich dachte. Also habe ich mich strategisch an die nächsten Experimente gewagt. Im Baumarkt dem Verkäufer dazu gebracht, mir meine neu erworbenen Gartenstühle ins Auto zu schleppen. An der Käsetheke der Verkäuferin klar gemacht, dass ich nicht mit herabwürdigendem Tonfall empfangen werden möchte, nur, weil ich immer nur eine Scheibe Käse kaufe. Meinem Nachbar nicht gefragt, sondern mitgeteilt, dass ich von nun an seinen Parkplatz nutzen werde wenn er tagelang auf Montage ist. An der Uni die Führung der Teamarbeit übernommen, allen Aufgaben zugeteilt und dann später festgestellt, dass es keine mehr für mich gab, außer diesen unkoordinierten Haufen zu befehligen. Keiner beschwerte sich. Keiner bemühte sich auch nur um den geringsten Widerstand. Keine Gegenmeinungen. Es kommt mir so vor, als wenn viele Menschen es als Erleichterung empfinden, wenn jemand die Führung übernimmt und ihnen sagt, was sie tun sollen – und was nicht. Mit all der neu gewonnenen Macht dachte ich eigentlich, dass ich mich erhaben und selbstbewusst fühlen müsste. Tat ich aber nicht. Immer, wenn mir jemand Folge leistet, unhinterfragt und unterwürfig, fühle ich mich schlecht und werde traurig. Ist es nicht unheimlich – diese Tendenz?   

Verstehensmonopole

Verstehensmonopole

Jemand hat gefragt, was Verstehensmonopole sind. Also: wer versteht alles. Als Einziger. Dann kann es eigentlich doch nicht Plural sein. Funktioniert aber. Je nach Blickwinkel. Hier habe ich ein Monopol. Dort hast du es. Aber wo liegen die Grenzen? Vielleicht verstehen die Erforscher der Natur der Wirklichkeit alles. Aber auch die sind Menschen. Und kein einziger Mensch versteht die Welt so, wie sie ein anderer versteht. Vielleicht gibt es Parallelen, aber keine Übereinstimmung. Nicht einmal in der Mathematik. Die Formel ist die selbe, aber die Herleitung dieser erfolgt auf verschiedenen Wegen. Menschen, die sagen: 2 + 2 ergibt auf der ganzen Welt 4, vergessen die Relation zwischen Begrifflichkeiten. Auch hier gibt es schon vier Arten von Paralleluniversen. Deswegen definieren wir auch alle ein happy end anders. Positives wie Negatives. Auslegungen und Interpretationen. Im Englischen heißt es so schön: in perspective. Das meiste lässt sich relativieren. Manchmal einigen wir uns. So wie: ja, es ist ein Krieg. Aber was ist eigentlich Krieg? Das sehen schon wieder alle anders. Genauso, wie Gewalt. Erst, wenn wir den Schritt wagen, uns aus unserer eigenen Vorstellung zu entkuppeln (was schon einmal nicht gänzlich gelingen kann), können wir andere Vorstellungen versuchen zu verstehen, was im Umkehrschluss jedoch nicht heißt, dass wir sie auch nachvollziehen können. Wenn wir das Denken des Gegenüber verstehen, können wir versuchen auf einer Parallellinie zu argumentieren. Allerdings setzt dies voraus, dass unser Gegenüber die selbe Intension hat. Denkt er jedoch, er habe ein Verstehensmonopol an der Hand, wird er die Diskussion aus dieser Perspektive beginnen und es ist irrelevant wie sehr wir uns bemühen einen gemeinsamen Nenner zu finden – Paralleluniversen finden auch so nicht zueinander. Diplomatie erkläre ich dann morgen. Wenn ich es verstehe.

Das kann ich mir jetzt auch nicht erklären

10 Sekunden-Gedanken No. 14

Das kann ich mir jetzt auch nicht erklären

Wie häufig habe ich mich diesen Satz schon selbst sagen gehört. Und nie habe ich ihn so gemeint. Natürlich musste das passieren. Handeln und Konsequenzen des Handelns. Eigentlich also nicht so unerwartet. Natürlich geht es um Besitzansprüche, wenn ich meine Soldaten in ein anderes Gebiet schicke - gerade, wenn ich die Soldaten nicht als meine eigenen auszeichne. Natürlich hat das Konsequenzen und natürlich habe ich auch das eingeplant. Warum das Ganze also abstreiten? Immer, wenn jemand sagt: das kann ich mir jetzt auch nicht erklären, schindet das Zeit, um die Erklärung für die Konsequenzen des Handelns noch einmal zu überdenken. Anpassen zu können. Erst einmal Reaktionen abwarten zu können. Das Unschuldslamm zu spielen. Andere sagen dann: Nun, das musste doch so kommen. Hättest du dir das nicht denken können? Natürlich. Aber wie ausgefeilt mein Plan war, bleibt erst einmal offen. Da ich es mir selbst nicht erklären kann. Also: offiziell. Ein großes HUPS. Und wenn sich die Wogen ein wenig geglättet haben und ich genug Zeit hatte, die Konsequenzen meines Handelns zu überdenken, sag ich vielleicht irgendwann: Na klar, das war die Idee des Ganzen. So wie Putin. Warum der das gerade jetzt macht? Das kann ich mir jetzt auch nicht erklären.

Grandiosen Sonnenaufgang erlebt.

10 Sekunden-Gedanken No. 13

Grandiosen Sonnenaufgang erlebt.

Kein Foto gemacht.

Nichts gepostet.

Impress Yourself

Das Ganze läuft derzeit als Autowerbung. Eine message an eine ganze Generation. Wirklich erleben. Nicht alle zum Gruppenfoto verdonnern *cheese* und später „voll die dröge Party, aber auf dem Foto schauts so aus, als hätten alle mega Spaß gehabt“. Realitätenverzerrung. Hauptsache es sieht so aus als ob - Die Tage hat mir ein junges Mädchen mitgeteilt, dass sie einen Jungen aus ihrer Klasse so süß fände. Ansprechen tut sie ihn nicht. Warum? Der ist auf über Tausend Bildern auf Facebook verlinkt – halt so total der Coole und Beliebte. Ach so. Zehn Jahre später fällt das genau andersherum aus. Den beeindruckensten Satz, den ich dazu gehört habe: Facebook? Hab ich nicht. Whatapp mach ich nicht und SMS schreiben ist nicht so mein Ding. Ich ruf dich heute Abend einfach an. Danke.

Griechenland droht Europa mit Flüchtlingen

Griechenland droht Europa mit Flüchtlingen

Es gibt doch diese Bildchen, wo dann die Aufgabe ist, den Fehler im Bild zu finden. So: ah hier, der Fehler, die Sonne ist am Himmel, obwohl es auf der Uhr schon spät abends ist. Das selbe geht auch mit Sätzen: Griechenland droht Europa mit Flüchtlingen. Wo ist der Fehler in diesem Satz? Richtig, es gibt keinen. Trotzdem hört er sich von vorn bis hinten falsch an. Willkommen im Jahr 2015. Man droht anderen Ländern nun nicht mehr mit Waffengewalt oder wirtschaftliche Erpressung. Nein. Man droht mit Flüchtlingen. In manchen Kreisen scheint das wesentlich furchterregender zu sein, als die althergebrachten Kriegsmittel. Der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos droht Europa also, dass die griechischen Migranten Reisepapiere bekommen werden und dann alle nach Europa einmarschieren. Jetzt könnte man hingehen und sagen: die Rechten und die Linken zusammen in einer Regierung, was erwartet ihr denn noch von Griechenland? Genau genommen, ist dieser lächerliche Satz aber gar nicht so hirnrissig, wie er zunächst klingt. Denn im Pegida-Deutschland könnte das durchaus eine unterschwellige Panik hervorrufen. Man denkt hierzulande schon, dass Zinssätze flach gehalten werden, damit das deutsche Volk tapfer dem griechischen Staat aus der Patsche helfen kann - so sehen das nämlich die Sparkassenangestellten im Landesinneren, die an der Supermarktkasse mit den Dorfbewohnern munkeln, dass Griechenland endlich aufgeben soll. Stehts nach dem Motto Survival of the Fittest. Was den deutschen Bundesbürger aber noch viel wütender macht, ist, dass die unverschämten Griechen dann auch noch frech werden und gegen Deutschland wettern oder mal wieder mit der Moralklatsche in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg ankommen. Das hat man hierzulande nicht so gerne. Wie bei Menschärgerdichnicht haben wir nämlich schon fast alle unsere Männchen im Stall und spielen mit den Griechen eigentlich nur noch, weil es uns leidtut, dass die einfach keine Sechsen würfeln können. Diese Arroganz lassen wir uns auch nicht nehmen, schließlich wurde genug Geld rausgepulvert. Dass die shares von Länder wie Italien und Spanien nur unwesentlich geringer sind als die Deutschlands, kann man schon mal ganz schnell vergessen – obwohl die sich bei den Tagesthemen immer so viel Mühe geben, das in bunten Grafiken so darzustellen, dass das jeder verstehen könnte. Egal. Griechenland hat ja nun insgesamt nicht mehr viel. Und wenn man nicht mehr viel hat, dann guckt man eben, was man noch so hat, um damit über die Runden kommen zu können. Das Ergebnis: Kammenos ist eingefallen, dass Griechenland ja noch zu Europa gehört. Und dann – na klar, wir können europäische Pässe ausstellen. BAM. Und weniger Menschen in Griechenland, Ausländer eingeschlossen, heißt natürlich auch: weniger Leute, die versorgt werden müssen. Den Europäern mit den Migranten zu drohen funktioniert demnach in doppelter Hinsicht. Und wenn das auch nicht klappt, setzt man einfach noch einen drauf, denn sollte das Land wirtschaftlich zusammenbrechen, könnte es obendrein Einfallstor für Tausende Dschihadisten werden. Auch so eine Idee des griechischen Rechtspopulisten, den man zum Verteidigungsminister gemacht hat. Die Dschihadisten kommen dann alle von Syrien durch die Türkei nach Griechenland, wo sie dann mit europäischen Pässen eingedeckt werden. Ich habe da ja eine ganz neue Idee für den Herrn Kammenos: Wo wir schon am Kalkulieren sind, was sich noch so an den Mann bringen lassen können (außer griechische Migranten): Wie wäre es denn damit, die EU-Mitgliedschaft an die Türkei zu verkaufen? Die wären sicher interessiert. Obwohl, mit Recep Tayyip Erdoğan Geschäfte machen… seit der Kairoer Erklärung vielleicht auch nicht mehr so einfach.

ISIS, Sinn und der Weg in den Dschihad

10 Sekunden-Gedanken No. 11

 

ISIS, Sinn und der Weg in den Dschihad

Während des Studiums hieß es: Fundamentalismus ist ein Resultat der Moderne. Der westlichen Moderne, vor allem. Das ist nun fast zehn Jahre her. Im Koran gibt es keine einzige Sure, in der von einem heiligen Krieg die Rede ist. Das haben wir damals auch gelernt. Nie treten diese zwei Wörter in Verbindung zueinander auf. Seit Monaten lesen wir es nun in den Medien wieder (...) - vollständiger Text archiviert

ISIS platt machen

ISIS platt machen

10 Sekunden-Gedanken No. 10

Mit Glaubenskämpfern ist kein Friede zu schließen hat Max Weber, der Visionär und Vorzeigedenker der Deutschen, einmal gesagt. Dieser Satz geht weiter mit: man kann sie nur unschädlich machen. Nun erkannte Dirk Kaesler, der sich jahrelang mit Webers Schriften auseinandergesetzt hat, zurecht, dass Weber nicht als Interpret unserer Gegenwart in Anspruch genommen werden kann (oder sollte) – aber ähnlich wie dem Papst in den Mund gelegt werden kann, dass Kinder ruhig verdroschen werden dürfen, (solange dies nichts mit Erniedrigung zu tun hat,) - genauso können wir den notorisch übergewichtigen Weber, der exzessiv trank, drogensüchtig war und aus einem Umfeld kam in dem alle an mindestens einer psychischen Störung litten, als unseren Vorbeter in Sachen ISIS-Umgang heranziehen. Weber, der Kulturmensch schlechthin, sagt, dass ISIS unschädlich gemacht werden muss. Bei ihm ging es zwar eigentlich um den Friedensvertrag von Brest-Litowsk im Jahre 1918, aber der gekonnte Journalist weiß, wo man ein Zitat am besten beginnt und wo man es beendet. Hier nutzen wir die selben Regeln wie die Muslime, die den Koran als Regularium zur Gewaltanwendung nutzen. Zurück zum Anfangspunkt: mit ISIS ist nicht zu spaßen, nicht zu verhandeln, das Wort Diplomatie kennen die gar nicht, die müssen weg. Wir wollen keine Welt mit ISIS. Weber sprach ja von der Entzauberung der Welt. Es macht also gar keinen Sinn, wenn sich noch mehr Akademiker über ISIS und die Folgen dieser (durchaus nicht neuartigen) Form des Terrorismus den Kopf zerbrechen, denn auch hier hat uns Weber bereits zu verstehen gegeben, wie das ausgehen wird: Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung der Thematik bedeutet nämlich nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis über die vorliegenden Zustände, und Lösungen für die Bekämpfung dieser, sondern nur, dass es eigentlich keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gibt, sondern alles berechenbar ist. Und so ist das auch mit ISIS. Das wiederum, und das ist der zentrale Punkt heute, ebenso wie vor hundert Jahren bei Weber: ist nur Auslegung und Interpretation.

Das Sonnensystem und die Menschen

Das Sonnensystem und die Menschen

10-Sekunden Gedanken No. 9

Daniel Paul Tammet hat innerhalb einer Woche eine neue Sprache erlernt und sagt die Zahl Pi ist wunderschön. Ich habe innerhalb eines halben Jahres alles vergessen, was ich in Mathe seit der Einführung von Variablen während der Schulzeit gelernt habe und unterliege akuten, cholerischen Anfällen, wenn ich das Wurzelzeichnen nur sehe. Betrachtet man das Sonnensystem aus Sicht der Wissenschaftler, wird alles logarithmisch angegeben, d.h. Entfernungen verzehnfachen sich von einem begrenzenden Teilstrich in den Zeichnungen des Sonnensystems zum nächsten. Eindimensionales Denken ist also nicht mehr möglich. Sollte ich meine Kinder Castor, Jago oder Mary nenne, dann haben sie schon mal einen nach ihnen benannten Stern in der Milchstraße. Natürlich gibt es auch einen Stern namens Enemy. Das die Namensgebung hier vonseiten des homo sapiens stammt, bleibt also nicht im Verborgenen. Und wo wir gerade dabei sind, gibt es Horror natürlich auch. Friend oder Beauty hört sich auch einfach nicht so nach Stern an. Auch nicht nach Mensch. Der Oscar in Sachen Einfallsreichtum geht an den Namensgeber des Sternchen Outside. Das hast du gut erkannt. Und den längsten Namen stellen natürlich die Deutschen: Hundertsonnenwelt. Die ganz großen Dinger haben keine Namen mehr, sondern eher als mathematische Formeln anmaßende Bezeichnungen. Ich lerne, dass sich Galaxien in Elliptische und Spiralsysteme ebenso wie Balkenspiralen einteilen lassen. Manche sind über Zweimilliarden Lichtjahre von uns entfernt. Das muss man sich so vorstellen, wie den Abstand zwischen den politischen Linien von Kim Jong-un und den Grünen. Erdzeitalter aufsagen erinnert mich an das Aufsagen von Alkanen während der Schulzeit. Methan, Ethan, Propan… Der Jupiter war als Kind immer mein Lieblingsplanet. Er ist der größte Himmelkörper, der die Sonne umkreist. Früher habe ich ihn angeschaut wie Daniel Paul Tammert seine Primzahl und gedacht: mannomann, ist der schön. Heute denke ich: besteht vorwiegend aus Wasserstoff, Helium und Ammoniak, wenn ich mich anstrenge, bekomme ich es vielleicht sogar hin, die Keilstrichformeln davon zu malen. Und da sage noch mal einer: Schule bilde uns nicht…  

Die Nuller-Generation

Die Nuller-Generation

das sind die, die viel jünger sind als ich
fern ab von Kaltem Krieg, Teilung und so
deren Lebenszeit hat mit Terroranschlägen begonnen
Generation X oder 0 oder begreif ich nicht

früher war alles besser: also bei Oma schon
aber bei mir auch
Sendung mit der Maus und Wetten, dass…
Heute besteht alles aus Hashtags
Tweets. Anführungsstrichen. Und ja, ich bestätige das mal:
Mein Smartphone kann mehr als ich

die Nuller-Generation übt eine ironische Distanz
zu allem und jedem, auch sich selbst.
jung sein, will ich HIER gar nicht mehr
der Mann neben mir flüstert: Apocalypse now
nun ja, DAS ist ja wohl übertrieben
aber auch nur zwei Wörter: guter Tweet

Familie Europa

Familie Europa

 

10-Sekunden Gedanken No. 8


Juli Zeh hat mich darüber aufgeklärt, dass Europa eine Wertegemeinschaft ist. Ich dachte immer, Europa sei ein Kontinent der unterschiedlichsten Facetten, was auch der Euro, dieses hässliche Monopolygeld nicht schmählern konnte. Wie in einer Familie: Mama, Papa, pubertierende Tochter und fauler Sohn. Mama Deutschland gibt den Ton an, auch wenn Papa Frankreich sich das bei Zeiten der Eheschließung noch anders vorgestellt hatte, aber die Dame hat die Hosen an zu Hause. Töchterchen Großbritannien träumt von der weiten Welt und fühlt sich nicht besonders zugehörig zu dem sich stetig streitenden Elternpaar. Und Sohn Italien hockt in der Ecke und schläft bei häuslichen Streitereien regelmäßig ein.
Versuchen wir nun Griechenland in diese Familie unterzubringen. Dieses Wochenende entscheiden die Guten, wer sie denn nun sein möchten: Stiefbruder, verschwägert oder nur über Ecken verwandt. Und wenn sie nicht dazu gehören wollen, dann gibt es halt Streit. Wie in anderen Familien auch. Ich denke, wir sollten es da mit den Worten Emily Blunts halten, Deutschland kann auch anders: If you want to fairytale the shit out of everything, you’re doing everyone a disservice. So, dann wählt ihr mal.

 

Die Hoffnung von 2000 Jahren: Jisra'el

Die Hoffnung von 2000 Jahren: Jisra'el

Der Jediot Achronot sagt: es ist jüdischer Neonazismus
der Graben durch Israel war noch nie größer
selbst wenn man die Tempelmauer abreißen würde,
um die Steine als Füllmaterial zu verwenden -
der Spalt kann nicht so schnell gefüllt werden

manche sagen: der David ist zum Goliath geworden
sowas hört man nicht gerne
man spricht lieber von: Regenbogen und Schutzwall
einem Fels in der Brandung oder Früchten des Zorns
Zuk Eitan oder מבצע ענבי זעם

Existenzängste.
Bei jeder Gelegenheit der Verweis auf die Schoa
wie in Deutschland auch, aber anders
anders überhaupt: zwei Lager, zwei Lösungsvorschläge
zuhören - keiner hört auf den anderen
und einer muss immer sein Leben lassen –

Frieden ist auch überbewertet...

10-Sekunden Gedanken No. 7

Stanisław Jerzy Lec schrieb einmal: Das Gesicht des Feindes entsetzt mich, weil ich sehe, wie sehr es meinem eigenen ähnelt. Wie wahr. Was aber nun, wenn es dies nicht tut? Was, wenn sich die kämpfenden Parteien so überhaupt nicht ähneln? Also optisch, auf den ersten Blick. Unbestreitbar scheint die Verwandtschaft aller Menschen in den groben Strukturen ihres sozialen Benimms, aber wenn ich meinem Feind in die Augen schaue, kann ich seinen Benimm nicht wahrnehmen. Vielleicht sehe ich dann einen Menschen, der anders ausschaut als ich. Verändert das dann meinen Umgang mit diesem Menschen? Und ist es nicht beim Freund ebenso wie beim Feind? Nehmen wir auf eine naive Weise vielleicht an, dass wir uns näher stehen sollten mit denen, die uns an uns selbst erinnern? Aber was erinnert uns an uns selbst? Wir sind nicht arm. Wir stehen nicht unter Beschuss. Wir haben alle ein Dach über dem Kopf. Leiden unter keiner Epidemie. Fragen uns nur selten, ob wir den nächsten Tag noch erleben werden. Wir suchen Gemeinschaft ebenso sehr wie Abspaltung. Freundschaften und Feindschaften sind so schnell austauschbar wie die Seiten am Wandkalender. Der große Feind ist vielleicht nur ein Nachbar. Der Fels in der Brandung. Frühling der Jugend. Oder: erster Regen. Vielleicht können wir das Wort Feindschaft auch gar nicht so recht definieren. Nicht in unserer kleinen Welt, in der der ungeteerte Weg zum Supermarkt schon die größte Last des Tages darstellt. Wie der Feind da ausschaut, ist eigentlich egal. Uns ist eigentlich auch egal, ob Freund oder Feind uns ähnlich sehen. Sieht er uns zu ähnlich, schauen wir, was besser ist an uns, als an ihm. Schaut er uns überhaupt nicht ähnlich, erklärt das automatisch, warum er sich anders benimmt als wir. Mit Menschen, die sich anders benehmen als der Durchschnitt, das haben wir schon als Kinder gelernt, stimmt meistens etwas nicht. Das Gesicht des Feindes ersetzt mich daher, weil ich ihm nicht vertrauen kann, egal ob er mir ähnlich sieht oder nicht, er ist ein andere Mensch und das bedeutet im Ernstfall: er ist nicht mein Freund.

Internierungslager und öffentliche Hinrichtungen

Internierungslager und öffentliche Hinrichtungen

10-Sekunden Gedanken No. 6

Wenn jemand einen Film drehen würde, dem ich als Vorbild diene, in dem ich dann entmachtet und getötet werde, würde ich dann beginnen darüber nachzudenken, dass das, was ich mache vielleicht nicht ok ist? Nein. Ich würde denken, die Außenwahrnehmung ist gestört und ja, ich würde Obama dann auch als Affen bezeichnen und mit Rache drohen. Ionesco sagte so schön Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht. Dass der nächste Weltkrieg durch eine lächerliche Lappalie ausgelöst wird ist hingegen nicht absurd, sondern zeitgerecht. Es gibt zu viele Deppen auf diesem Planeten die im Besitz von Atombomben sind. Cyber-attacks arten da an wie ein Vorspiel, ein Herantasten. In der im Januar erscheinenden Ausgabe des Transnational nimmt der US-amerikanischer Autor Matthew Hamilton in seinem Text The Hermit Kingdom ebenfalls Kim Jong-un auch auf die Schippe. Einmal auf Englisch und einmal auf Deutsch. Ob das reichen wird Deutschland in den Streit zwischen Nordkorea und den USA zu involvieren? Wahrscheinlich eher nicht. Die Leserschaft liegt im zweistelligen Bereich. Aber die, die The Hermit Kingdom lesen werden, werden über Kim lachen. So machen wir das im Westen, auch wenn uns das Lachen manchmal im Halse stecken bleibt – oder den dritten Weltkrieg provoziert. Mit Weltkriegen kennen wir uns aus. Ist schließlich nicht unser Erster.

Demonstrationen gegen deutsche Waffenlieferungen

Demonstrationen gegen deutsche Waffenlieferungen

Die Mexikaner wollen unsere Waffen nicht
Was stellen die sich so an? Waffen sind doch toll
können die sich verteidigen: gegen Krokodile z.B.
oder Amerikaner

wenn das mit den Waffen nicht wäre, wären wir das tollste Land der Welt
Beliebtheitsindex hin oder her: nobody is perfect
wir aber FAST, meckern auf hohem Niveau
Miss Germany, Mr Germany – reinstes Schlaraffenland

alle tollen Sachen die ich kenne sind aus Deutschland
und den Rest kaufe ich einfach nicht: von wegen Vielfalt
wer braucht denn sowas, früher gab’s das auch nicht
sagt Opa, und der muss es wohl wissen:

schließlich waren wir mal fast Weltmacht
heute sind wir Weltmeister und alles ist made in Germany
ICH zum Beispiel: Siegel meiner Charakterstärke oder Mentalität
quasi als guter und toleranter Mensch auf die Welt gekommen

deswegen schockt das ja auch jeden: wenn es nicht stimmt
dann wird alles widersprüchlich:
deutsche Rechtsradikale
deutsche ISIS-Kämpfer
deutsche Söldner
was ist denn da bitte falsch gelaufen? Deutschland sicher nicht.
wenn, dann: das Elternhaus. natürlich

weil: Deutsche werden mit Moral geboren.
seit 1945 haben wir’s im Blut
und wer keine Moral hat, der ist nicht Deutsch
deswegen haben wir auch Angst vor allem Neuen
da wissen wir nicht was drinnen steckt – vielleicht keine Moral

und dann ist das uns zu unähnlich
und um-dekorieren ist nicht
wir machen das seit Jahren so und sind damit gut gefahren
das ändern: wäre einfach nur dumm
und dumm ist einfach nicht Deutsch

Der PEGIDA-Pastor

Der PEGIDA-Pastor

10-Sekunden Gedanken No. 5

Weihnachten 2014. Eine kleine Gemeinde an der Grenze Westfalens. Es weihnachtet. Menschen haben ihre Tannen geschmückt, viel Geld für Geschenke und das alljährliche Weihnachtsessen ausgegeben und wie jedes Jahr machen sich auch die nicht-Kirchgänger auf den Weg in den Gottesdienst. Nie ist die Kirche so voll wie am ersten Weihnachtsfeiertag. Und der Pastor hat sich überlegt, seinen Gästen mal etwas Neues zu erzählen. Die Jesus-Geschichte kennen sie schließlich alle und wer weiß, wem die Predigt gefällt, der lässt vielleicht nicht wieder ein ganzes Jahr vergehen bis zum nächsten Kirchenbesuch. Vollgegessen und übermüdet werde ich aus meinem innerlichen Schläfchen gerissen mit den Worten: „Wir haben alle den selben Gott: Was für ein Quatsch. Das macht mich so ärgerlich, wenn ich das Leute sagen höre.“ Nun hat er meine volle Aufmerksamkeit. Politische Propaganda an Weihnachten in der Kirche im kleinen Dörfchen, wer hätte das erwartet. Er setzt noch einen drauf, damit es auch wirklich jeder versteht: „Dieser Allah, der Gott, der nach Gewalt verlangt und zuguckt wie Menschen ermordet werden, um die Mörder dann ins Paradies zu schicken, wo sie mit wer weiß wie vielen Jungfrauen belohnt werden. Dieser Allah, das ist nicht mein Gott und der kann auch nicht verglichen werden mit meinem Gott.“ Weil, und das erfahren wir dann im lang gezogenen letzten Teil der Predigt: unser Gott, der ist ein friedfertiger Gott. Kreuzzüge und Jahrhundertkriege finden natürlich keine Beachtung. Wie bei den Engländern die Gräueltaten zu Zeiten des Empires. Dinge, über die man nicht spricht, können einen auch nicht so sehr belasten. Und ja, mir geht’s schon viel besser, jetzt, wo ich weiß, dass DEREN Gott böse ist und meiner nicht. Ich denke, PEGIDA hat Einzug in die Kirchen genommen. Fremdes wollen wir nicht. Undifferenziertes Denken ist auch viel einfacher und entspannender, als sich mit gewissen Dingen auseinandersetze zu müssen. Da scheint sich die Gesellschaft zu spalten: PEGIDA und Gegendemonstranten. Interessant daran: der Mittelweg fehlt, dabei war doch gerade dieser Ursprungselement der PEGIDA-Demonstranten. Schließlich wollen diese nicht zum rechten Lager gezählt werden: sie wollen aber trotzdem sagen dürfen, dass ihnen da etwas nicht passt. Der Strang führt zu meiner Lieblingsthematik: dem, was in Deutschland gesagt wird, dem, was das impliziert, dem, was nicht gesagt werden darf und dem, was man sagt, aber nicht so meint wie man es sagt. In Deutschland aufzuwachsen ist ganz schön kompliziert. Zu welcher Gruppe gehört man denn nun? Weist einen die Gesellschaft in dieser oder hat man sich diese selbst ausgesucht? Wo stehe ich? Interessiert jemanden meine Meinung? Habe ich überhaupt eine oder ist mir das alles latte? Ziehe ich jetzt mit denen los oder mit der Gegendemonstration? Wer ist hier überhaupt für was?  Mittlerweile spaltet dies unser Volk recht offensichtlich: rechtes Gedankengut ist wieder salonfähig geworden. Hinter vorgehaltener Hand werden Sachen gesagt, die so manchen erblassen lassen. Ich persönlich unterstütze die Propaganda-Theorie des Pastors nicht: für mich ist er einfach ein wenig gebildeter Mensch, der im Geschichtsunterricht besser hätte zuhören sollen und nicht besonders viel über den Islam weiß, außer die übliche Hetze die wir aus den Medien kennen. Trotzdem ist er ein Mensch von vielen. Interessant ist dabei: warum sind wir, das Land in dem sich die Jahrhundertkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts ereignet hat und die wir uns so gerne als tolerant und weltoffen schimpfen, an diesen Punkt gekommen? Ursachenforschung wäre vielleicht ein cleverer Ansatz. Nicht dieses hui, wo kamen die denn auf einmal alle her? Sondern eine intensive Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen eines ganzen Volkes. Im Prinzip geht es um‘s Zuhören. Die Menschen wollen einfach, dass man ihnen zuhört, sie mit in Entscheidungen einbezieht. Sollte Deutschland da nicht vielleicht überlegen: haben wir den Menschen in den vergangenen Jahren zugehört? Haben wir sie in Entscheidungen einbezogen? Und zwar alle, weil: Demokratie und so. Fremdenhass ist Schwäche und Unverstehen kombiniert mit Angst und Panik zugleich. Hätte ich ein Kind, das Angst vor etwas hat, was es nicht versteht, hätte ich zwei Möglichkeiten: Ich könnte dem Kind erklären, warum es sich nicht fürchten muss oder ich könnte es aufs Zimmer schicken und sagen stell dich nicht so an.

In welcher Demo würde ich mein Kind Jahre später wiederfinden?

Europäische Realpolitik

Europäische Realpolitik
heute: Konkurrenz in der Rüstungsindustrie

Europa. In der Welt. Zwischen Amerika & Asien
Russland, Asien (und Rest) mal ausgeklammert
die Chinese haben ohnehin nur Hohn übrig:
„das alte Europa. WHO CARES?“
Patent im: gegenseitig erschießen, Machtkampf

Gewählte Schlagwörter junger Europäer zum Thema:
Gewalt, Eifersucht & Kriege
o-la-la, nicht: Gemeinschaft, Stärke & Frieden
apropro: Eurofighter hin oder her, Gripen ist auch noch da
oder der Joint Strike Fighter, aber Rafale war besser
Wettbewerb nach außen klappt
Funktionale interne Binnenpolitik = eher nicht

challenging. Haben nur Regeln für die wichtigen Sachen
Bananengrößen und einheitliche Glühbirnen, gut
Rüstungspolitik im Verruf: das ist auch nicht neu
(zumindest nicht in Deutschland) & für alles chathouse rule
wenn es um Kooperation geht, schön die Klappe halten

ohnehin, Vorurteile stärken: Europa besteht aus
Fröschen, Krauts und Inselaffen. Noch.
Die Affen wollen ja weg (wegen Großmachtstatus & so)
& Deutschland will den Großmachtstatus nicht (mehr)
wir führen nur Europa, ansonsten ist das Wort (führen)
arg in Verruf geraten im Vaterland

nicht können & nicht wollen sind unterschiedliche Dinge
im Falle Deutschlands: Letzteres
MH90: wir investieren nur in Dinge, die sich auch lohnen
oder in Urlaub auf Malle
915 Millionen für neunzehn schrottige Hubschrauber
da sagt sich der Deutsche: dann doch lieber
das nächste Mal wieder mit dem Flugzeug in die Karibik