Der PEGIDA-Pastor

Der PEGIDA-Pastor

10-Sekunden Gedanken No. 5

Weihnachten 2014. Eine kleine Gemeinde an der Grenze Westfalens. Es weihnachtet. Menschen haben ihre Tannen geschmückt, viel Geld für Geschenke und das alljährliche Weihnachtsessen ausgegeben und wie jedes Jahr machen sich auch die nicht-Kirchgänger auf den Weg in den Gottesdienst. Nie ist die Kirche so voll wie am ersten Weihnachtsfeiertag. Und der Pastor hat sich überlegt, seinen Gästen mal etwas Neues zu erzählen. Die Jesus-Geschichte kennen sie schließlich alle und wer weiß, wem die Predigt gefällt, der lässt vielleicht nicht wieder ein ganzes Jahr vergehen bis zum nächsten Kirchenbesuch. Vollgegessen und übermüdet werde ich aus meinem innerlichen Schläfchen gerissen mit den Worten: „Wir haben alle den selben Gott: Was für ein Quatsch. Das macht mich so ärgerlich, wenn ich das Leute sagen höre.“ Nun hat er meine volle Aufmerksamkeit. Politische Propaganda an Weihnachten in der Kirche im kleinen Dörfchen, wer hätte das erwartet. Er setzt noch einen drauf, damit es auch wirklich jeder versteht: „Dieser Allah, der Gott, der nach Gewalt verlangt und zuguckt wie Menschen ermordet werden, um die Mörder dann ins Paradies zu schicken, wo sie mit wer weiß wie vielen Jungfrauen belohnt werden. Dieser Allah, das ist nicht mein Gott und der kann auch nicht verglichen werden mit meinem Gott.“ Weil, und das erfahren wir dann im lang gezogenen letzten Teil der Predigt: unser Gott, der ist ein friedfertiger Gott. Kreuzzüge und Jahrhundertkriege finden natürlich keine Beachtung. Wie bei den Engländern die Gräueltaten zu Zeiten des Empires. Dinge, über die man nicht spricht, können einen auch nicht so sehr belasten. Und ja, mir geht’s schon viel besser, jetzt, wo ich weiß, dass DEREN Gott böse ist und meiner nicht. Ich denke, PEGIDA hat Einzug in die Kirchen genommen. Fremdes wollen wir nicht. Undifferenziertes Denken ist auch viel einfacher und entspannender, als sich mit gewissen Dingen auseinandersetze zu müssen. Da scheint sich die Gesellschaft zu spalten: PEGIDA und Gegendemonstranten. Interessant daran: der Mittelweg fehlt, dabei war doch gerade dieser Ursprungselement der PEGIDA-Demonstranten. Schließlich wollen diese nicht zum rechten Lager gezählt werden: sie wollen aber trotzdem sagen dürfen, dass ihnen da etwas nicht passt. Der Strang führt zu meiner Lieblingsthematik: dem, was in Deutschland gesagt wird, dem, was das impliziert, dem, was nicht gesagt werden darf und dem, was man sagt, aber nicht so meint wie man es sagt. In Deutschland aufzuwachsen ist ganz schön kompliziert. Zu welcher Gruppe gehört man denn nun? Weist einen die Gesellschaft in dieser oder hat man sich diese selbst ausgesucht? Wo stehe ich? Interessiert jemanden meine Meinung? Habe ich überhaupt eine oder ist mir das alles latte? Ziehe ich jetzt mit denen los oder mit der Gegendemonstration? Wer ist hier überhaupt für was?  Mittlerweile spaltet dies unser Volk recht offensichtlich: rechtes Gedankengut ist wieder salonfähig geworden. Hinter vorgehaltener Hand werden Sachen gesagt, die so manchen erblassen lassen. Ich persönlich unterstütze die Propaganda-Theorie des Pastors nicht: für mich ist er einfach ein wenig gebildeter Mensch, der im Geschichtsunterricht besser hätte zuhören sollen und nicht besonders viel über den Islam weiß, außer die übliche Hetze die wir aus den Medien kennen. Trotzdem ist er ein Mensch von vielen. Interessant ist dabei: warum sind wir, das Land in dem sich die Jahrhundertkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts ereignet hat und die wir uns so gerne als tolerant und weltoffen schimpfen, an diesen Punkt gekommen? Ursachenforschung wäre vielleicht ein cleverer Ansatz. Nicht dieses hui, wo kamen die denn auf einmal alle her? Sondern eine intensive Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen eines ganzen Volkes. Im Prinzip geht es um‘s Zuhören. Die Menschen wollen einfach, dass man ihnen zuhört, sie mit in Entscheidungen einbezieht. Sollte Deutschland da nicht vielleicht überlegen: haben wir den Menschen in den vergangenen Jahren zugehört? Haben wir sie in Entscheidungen einbezogen? Und zwar alle, weil: Demokratie und so. Fremdenhass ist Schwäche und Unverstehen kombiniert mit Angst und Panik zugleich. Hätte ich ein Kind, das Angst vor etwas hat, was es nicht versteht, hätte ich zwei Möglichkeiten: Ich könnte dem Kind erklären, warum es sich nicht fürchten muss oder ich könnte es aufs Zimmer schicken und sagen stell dich nicht so an.

In welcher Demo würde ich mein Kind Jahre später wiederfinden?