Frieden ist auch überbewertet...

10-Sekunden Gedanken No. 7

Stanisław Jerzy Lec schrieb einmal: Das Gesicht des Feindes entsetzt mich, weil ich sehe, wie sehr es meinem eigenen ähnelt. Wie wahr. Was aber nun, wenn es dies nicht tut? Was, wenn sich die kämpfenden Parteien so überhaupt nicht ähneln? Also optisch, auf den ersten Blick. Unbestreitbar scheint die Verwandtschaft aller Menschen in den groben Strukturen ihres sozialen Benimms, aber wenn ich meinem Feind in die Augen schaue, kann ich seinen Benimm nicht wahrnehmen. Vielleicht sehe ich dann einen Menschen, der anders ausschaut als ich. Verändert das dann meinen Umgang mit diesem Menschen? Und ist es nicht beim Freund ebenso wie beim Feind? Nehmen wir auf eine naive Weise vielleicht an, dass wir uns näher stehen sollten mit denen, die uns an uns selbst erinnern? Aber was erinnert uns an uns selbst? Wir sind nicht arm. Wir stehen nicht unter Beschuss. Wir haben alle ein Dach über dem Kopf. Leiden unter keiner Epidemie. Fragen uns nur selten, ob wir den nächsten Tag noch erleben werden. Wir suchen Gemeinschaft ebenso sehr wie Abspaltung. Freundschaften und Feindschaften sind so schnell austauschbar wie die Seiten am Wandkalender. Der große Feind ist vielleicht nur ein Nachbar. Der Fels in der Brandung. Frühling der Jugend. Oder: erster Regen. Vielleicht können wir das Wort Feindschaft auch gar nicht so recht definieren. Nicht in unserer kleinen Welt, in der der ungeteerte Weg zum Supermarkt schon die größte Last des Tages darstellt. Wie der Feind da ausschaut, ist eigentlich egal. Uns ist eigentlich auch egal, ob Freund oder Feind uns ähnlich sehen. Sieht er uns zu ähnlich, schauen wir, was besser ist an uns, als an ihm. Schaut er uns überhaupt nicht ähnlich, erklärt das automatisch, warum er sich anders benimmt als wir. Mit Menschen, die sich anders benehmen als der Durchschnitt, das haben wir schon als Kinder gelernt, stimmt meistens etwas nicht. Das Gesicht des Feindes ersetzt mich daher, weil ich ihm nicht vertrauen kann, egal ob er mir ähnlich sieht oder nicht, er ist ein andere Mensch und das bedeutet im Ernstfall: er ist nicht mein Freund.