Diktatur etablieren

Diktatur etablieren

Ich tendiere dazu alles so zu machen wie Kim Jong-un. Diktatur ist einfacher als Demokratie, genaugenommen. Das fängt schon bei den kleinen Dingen im Leben an. Fünf Freunde: Freitagabend. Diskussion: Kino, Theater, Tanzen, DVD gucken, Sport oder Stadt? Telefonier- und whatsapp-Wulst. Nach zwei Stunden noch immer keine Einigkeit – der eine will das, der andere will was anderes. Also habe ich es aus Führerperspektive probiert und letzten Freitag allen geschrieben: Wir gehen heute Abend in die Stadt. Treffen: 19 Uhr am Stadtbrunnen. Ein paar haben sich noch die Mühe gemacht OK zu schreiben, die meisten sind um 19 Uhr einfach da gewesen. Leichter als ich dachte. Also habe ich mich strategisch an die nächsten Experimente gewagt. Im Baumarkt dem Verkäufer dazu gebracht, mir meine neu erworbenen Gartenstühle ins Auto zu schleppen. An der Käsetheke der Verkäuferin klar gemacht, dass ich nicht mit herabwürdigendem Tonfall empfangen werden möchte, nur, weil ich immer nur eine Scheibe Käse kaufe. Meinem Nachbar nicht gefragt, sondern mitgeteilt, dass ich von nun an seinen Parkplatz nutzen werde wenn er tagelang auf Montage ist. An der Uni die Führung der Teamarbeit übernommen, allen Aufgaben zugeteilt und dann später festgestellt, dass es keine mehr für mich gab, außer diesen unkoordinierten Haufen zu befehligen. Keiner beschwerte sich. Keiner bemühte sich auch nur um den geringsten Widerstand. Keine Gegenmeinungen. Es kommt mir so vor, als wenn viele Menschen es als Erleichterung empfinden, wenn jemand die Führung übernimmt und ihnen sagt, was sie tun sollen – und was nicht. Mit all der neu gewonnenen Macht dachte ich eigentlich, dass ich mich erhaben und selbstbewusst fühlen müsste. Tat ich aber nicht. Immer, wenn mir jemand Folge leistet, unhinterfragt und unterwürfig, fühle ich mich schlecht und werde traurig. Ist es nicht unheimlich – diese Tendenz?