Die ersten Tage in Potsdam

Die ersten Tage in Potsdam

Ich kenne keine Menschenseele. Nach fünf Jahren London ist es nachts zum ersten Mal wieder ruhig. Gänzlich. Ab 23 Uhr - Totenstille. Keine Krawalle. Keine Menschen, die Flaschen vor sich die Straße her treten oder nach Mitternacht singend vorm Fenster stehen bleiben, um einen auf Nachtigall zu machen. Die Stunden ohne Internetanschluss gestalten sich als angenehm. Überraschender Weise scheinen die Tage so länger zu sein als sonst. Auf den gedanklichen Merkzettel kommt daher der Vermerk: weniger virtuelle Welt, mehr Natur. Alle fahren Fahrrad und zum ersten Mal in meinem Leben finde ich es nicht schlimm, das zu machen, was (auch) alle anderen machen – mich dem normcore-Potsdam anzupassen. Potsdam verbindet einundzwanzigstes mit achtzehnten Jahrhundert. Alles kommt mir ein wenig surreal vor. Ich frage mich, ob die Potsdamer die Schönheit von der sie umgeben sind überhaupt wahrnehmen. Vielleicht muss man die grauen, herzlosen Bauten aus den Siebzigern kennen, die im Ruhrgebiet die Straßen zieren, um den Prunk der einen hier umgibt schätzen zu können. Endlich verstehe ich, warum so viele nicht-Ruhrpottler das Ruhrgebiet als betonfarben beschreiben wenn ich sie frage. Verglichen mit Potsdam ist der Pott eine eher unattraktive Steppe im Westen Deutschlands der auf innere Werte setzen muss, weil es optisch im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands nicht in Masse Schönheit zu präsentieren gibt.

Der erste Versuch einen Radiosender zu finden war ein Parkour durch Lokalsender, die Potsdam und Umgebung ins Zentrum des Universums stellen. Manche berichten auch über den Rest Brandenburgs oder erwähnen ab und an Berlin, diese kleine, unwichtige und fast schon fad-graue Stadt am Rande des Königreichs Potsdam. Alle samt haben mit dem internationalen Weltgeschehen nicht so viel am Hut. Meine Nachbarin empfiehlt mir abends auch einen Jazz-Sender, weil: die bringen höchstens eine Minute Nachrichten, wenn überhaupt. Aha. Super? Als Nachrichtenhai fühlte ich mich in der Brandenburger Radiolandschaft gestrandet. Die U-Bahn am Stadtrand fährt nicht. In Berlin-nähe (allerdings immer noch in Potsdam, wichtiger Hinweis, wurde dreimal betont) wurde eine Lady von einem Fahrradfahrer angefahren und am Kopf verletzt. Der Fahrradfahrer hat Fahrradfahrerflucht ergriffen und befindet sich – na ja logischer Weise dann wohl - auf der Flucht. Hinweise gerne an den Radiosender. Fast vergessen: das Wetter. Das sogar für Norderney. So, auf der nordischen Insel scheint die Sonne – aber was passiert eigentlich so im Rest der Welt? Ich meine, ich hätte aufgeschnappt, dass da eine Regierung gestürzt wurde, oder? Ha, Fehlanzeige. Das hier ist Potsdam. Wenn du wissen willst, was woanders los ist, dann guck halt die Tagesschau.

Mit dem Fahrrad durch den Park zum Schloss Sanssouci sind es fünf Minuten. Auf dem Hinweg hat es eine halbe Stunde gedauert, nicht nur, weil ich im Wald keine Hinweisschilder gefunden habe, sondern auch, weil ich meine erste Potsdamerin getroffen habe. Eigentlich wollte ich nur wissen, wo der Waldweg hinführt. Die korrekte Antwort wäre gewesen: der rechte Weg zum Ruinenberg (das weiß ich jetzt) – und der linke dafür zum Schloss Sanssouci (aha, da wollte ich ja eigentlich hin), aber die Dame schickt mich nach rechts – das hat eher symbolische Bedeutung, wie ich aber erst im Laufe des Gesprächs erfahren werde.

Wo kommen Sie denn her?

NRW - antworte ich und versuche nach Hinweisen in ihrem Gesicht zu suchen, ob ihr das ein Begriff ist. Kennt sie. Aus dem Schulunterricht.

Damals bei Hitler haben wir ja noch sinnvolle Sachen in der Schule gelernt.

Zack. Keine 10 Sekunden. Egal, wo in der Welt – ich ziehe diese Situationen magisch an. Mein Leben ist ein Meer von Floskeln und Geschichtsbucherlebnissen … Wie lande ich nur immer in diesen Situationen?

Ik bin ja schon mein Leben lang hier, aber nicht in Berlin geboren, sondern weiter nördlich, aber merken tun das nur die echten Berliner.

Wie kommt’s?, frag ich und denke ein paar Sekunden darüber nach, ob man mir den Pott auch anhört.

Na, wie man so spricht halt. Heute die Kinder sagen ja auch alles falsch. Die einfachsten Sachen. Können nichts unterscheiden. ALS ist nicht wie GLEICH. Oder riechen, duften und stinken. Das sind unterschiedliche Wörter. Haben wir damals noch in der Schule gelernt. Also, die zwei Jahre unter Adolf und dann kamen ja die Russen. Und jetzt… hier, sind ja eh alle links?

Tatsächlich, alle? hake ich nach, in der Hoffnung, dass sie das vielleicht noch relativieren wird. Fehlanzeige.

Ja, also hier in Potsdam schon. Alle links. Alle Stasi.

(> nicht lachen Sarah, nicht lachen! <) Ich dachte in Potsdam wären die Leute ein wenig konservativer als in Berlin?

Nein, nein. Die sind alle links. Gott, sind Sie etwa in der Politik oder politikinteressiert?

Schön, dass das scheinbar etwas miteinander zu tun haben muss. Ich entscheide mich für

Schon

der schönsten aller nicht-Antworten. Besser als Jein und Naja zusammen.

Ach, sind sie auch so eine?, fragt sie und zieht die Augenbraue ganz seltsam hoch. Fühlt sich ein wenig an wie Nürnberger-Prozess, halt nur umgekehrt.

Wie, links?

Ja ja.

Nein, ich bin schon eher konservativ.

Ach so.

Bam. Sie wirft mir diesen misstrauischen Blick zu, als checke sie, ob das auch wirklich stimmt und man mir vertrauen kann. Verbündeter oder Feind? Konservativ wird in vielen Kreisen ja auch gerne mit rechts vertauscht. Ihr gelingt das auch. Sie entscheidet sich in Sekunden für die Freund-Version und sagt dann blitzschnell

Ich bin national!

Ich denke noch so, wie? > national…..sozialistisch? <, aber da holt sie auch schon zum nächsten Satz aus, um sich selbst zu erklären:

Weil wir so ein tolles Land sind. Wir haben Hügellandschaf, Feldlandschaft, Moore, Seen, Berglandschaft, die Ostsee, die Nordsee, Küstenlandschaft, Waldlandschaft, Bergbaulandschaft, Wattenmeerlandschaft, Gehölzlandschaft, Gewässerlandschaft, Felslandschaft, Ackerlandschaft…

die Aufzählung geht geschätzte anderthalb Minuten so weiter und beinhaltet alle Landschaftstypen – ich glaube, sogar eine Wüstenlandschaft. Für eine Sekunde überlege ich, ob ich nachfragen soll, wo die denn ist und verwerfe den Gedanken dann doch, um das Gespräch nicht noch unnötig zu verlängern.

Irgendwie erwische ich mich dabei, dass ich denke, dass wir, wenn wir schon Nazis im Land dulden müssen, Landschafts-Nazis ja eigentlich nicht so schlimm sind. Wenn die einzige Forderung die die stellen ist, dass das Ausland anerkennt, dass Deutschland ganz toll ist, weil es so viele unterschiedliche Landschaftstypen vorweisen kann: bitte. Die dürfen bleiben. Parteilich ganz weit rechts von den Grünen: fast nur noch grün und nur noch rechts.

Da die Stechfliegen beginnen ihre Kreise um meine Beine zu ziehen und ich nicht anfangen möchte über die Blumensorten die es in Deutschland gibt zu reden – die uns, keine Frage, natürlich zum besten Land der Welt machen - verabschiede ich mich nett und bedanke mich für die Weghinweise.

Gucken Sie mal, welche Farben ik trage,

sagt sie, bevor ich wieder auf dem Rad bin. Roter Rock, weißes Shirt, schwarze Jacke. Die Frau trägt in der Tat schwarz-weiß-rot. Damit ich das auch wirklich verstehe, betont sie noch einmal

Schwarz-weiß-rot

und ergänzt ganz stolz

das ist Absicht!

Ich denke: Vielleicht doch kein Natur-Nazi und versuche nett zum Abschied zu lächeln, während sie warnend auf meine Sportschuhe zeigt

Und mit Ihren Turnschuhen passen Sie mal besser auf: schwarze Schuhe und weiße Schnürsenkel, da bin ich schon mal für angemacht worden von so linken Typen am Hautbahnhof.

Tatsächlich? Bei Turnschuhen?

Ja, passen Se da auf.

Ich möchte am liebsten lachen, aber sie meint das tot ernst.

Am nächsten Tag begegne ich einem Mann, der mir mit den letzten Einrichtungsstücken hilft und dabei erzählt, was er schon alles für Jobs in seinem Leben hatte. Warum Potsdam und Berlin sich hassen: weil beide verschuldet sind, (lerne ich), aber Potsdam in ein paar Jahren ja nicht mehr, deswegen will man ja auch den Zusammenschluss mit Berlin nicht, obwohl die ja ständig angekrochen kommen damit - Zitat: Es gibt ja nix Besonderes in Berlin. Ist schließlich alles hier. Deswegen ist Potsdam ja auch Landeshauptstadt. Also von Brandenburg. Ist wie so eine Hassliebe.

Aha. Dann frag ich ihn meine Lieblingsfrage: gedient oder verweigert?

Ach das ehrt mich ja, aber so jung bin ik ja nicht mehr - das war ja noch zu DDR-Zeiten damals wo ich groß geworden bin.

Also NVA? Das war doch Pflicht, oder?

Kommt drauf an.

Also haben Sie nicht gedient?

Ja doch. Ich war bei der Stasi.

Alle Stasi hallen die Worte der Dame vom Vortrag durch meinen Kopf… die ersten zwei Jahre in London waren nicht halb so politisch wie die ersten zwei Tage in Potsdam. Ich bin gespannt -