Die Antwort auf die Frage „Wie bekommen wir mehr Frauen in die IT?“ lautet: Durch Vorbilder, Talentförderung und den Abbau geschlechterspezifischer Zuordnungen

– Denn: Expertise kennt kein Geschlecht

Ein Kommentar

Cybersicherheits-/IT-Expertinnen und Experten (CyEx) sind die gefragteste Personalgruppe auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Nicht nur die Bundeswehr, sondern auch andere deutsche Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste suchen händeringend nach geeigneten Expertinnen und Experten, um den gestiegenen Sicherheitsanforderungen der eigenen Systemlandschaft gerecht werden zu können. Die Personalgruppe der CyEx ist daher ein unverzichtbarer Teil der deutschen Streitkräfte.

Die Bundeswehr hat das erkannt und Lösungen entwickelt, um einer potenziellen Personalnot im Cyber/IT-Bereich entgegenzuwirken: Nicht nur Neueinstellungen, sondern gerade die Bindung von gut ausgebildetem und bereits im System befindlichen Personal stehen hierbei im Fokus, um die benötigte Personalstärke der Bundeswehr im Rahmen der Zeitenwende sicherstellen zu können. In den vergangenen Jahren durfte ich verschiedene Projekte in der TSK CIR begleiten. Zwei Fragen sind mir im Rahmen meiner Arbeit für die TSK CIR immer wieder gestellt worden. „Wären mehr Frauen in der IT nicht eine gute Lösung für Personalengpässe im Cyber/IT-Bereich?“ und „Gibt es Einschränkungen für Frauen, die erklären, warum man nur wenige Frauen in den IT-Bereichen vorfindet?“ Auf diese zwei Fragen möchte ich im Folgenden näher eingehen.

Zunächst einmal: Nein, es gibt keinerlei Einschränkungen für Frauen in den Cyber/IT-Bereichen der Bundeswehr. Ebenso wie ihre männlichen Kollegen, können sie entweder zivil oder als Uniformträger für die Bundeswehr arbeiten. Der Weg in die IT-Bereiche unserer Streitkräfte ist dabei mannigfaltig. Der klassische Einstieg für zukünftige Offiziere, ist der Einstieg im Rahmen eines MINT-Studiengangs.

Wenige MINT-Absolventen

Die Anzahl der MINT-Absolventen an deutschen Universitäten ist rückläufig, - so auch an den Universitäten der Bundeswehr in München und Hamburg. Das befeuert den Fachkräftemangel, gerade in den Cyber/IT-Bereichen, wo in den nächsten Jahren exponentiell mehr Fachexpertinnen und -Experten gebraucht werden, als in den Jahren zuvor. Dieser Rückgang betrifft also alle: Frauen und Männer zugleich. Zwar haben sich im Vergleich zu den Vorjahren gerade im letzten Jahrzehnt deutlich mehr Schulabsolventinnen für MINT-Fächer entschieden, dennoch scheint das kein Trend zu sein, auf den man mit Blick in die Zukunft setzen kann. Noch immer stellen Frauen insgesamt eine Minderheit in den MINT-Fächern dar, insbesondere in technischen Bereichen wie Elektrotechnik, Maschinenbau und Informatik. Noch immer arbeiten überwiegend Männer in den Cyber/IT-Bereichen. In der Bundeswehr, ebenso wie im Zivilen. Insbesondere mit zunehmendem Karrierestadium sinkt der Frauenanteil: Die Führungsrollen in den Technik-Bereichen werden von Männern dominiert. Aber – auch hier gibt keinerlei Einschränkungen für Frauen.

Expertise kennt kein Geschlecht

Die Cyber/IT-Bereiche der Bundeswehr erlebe ich als äußerst divers. Cyber/IT-Klischees, wie sie uns in Hollywoodfilmen begegnen, haben mit der Realität nur wenig Überschneidungen. Ein großer Teil der Expertinnen und Experten sind kommunikationsfreudig, überdurchschnittlich smart und arbeiten in hellen Arbeitsräumen vor mehreren Bildschirmen, ganz ohne „Pizzareste auf der Tastatur“. CyEx sind kreativ, denn sie müssen um die Ecke denken können: Beispielsweise, weil sie dazu in der Lage sein müssen, sich in die Sicht des Angreifers zu versetzen, um Systeme strategisch klug schützen zu können. Das erfordert hohe Konzentration, tiefe Systemkenntnisse und Cleverness. Diese Eigenschaften sind geschlechtsneutral. Expertise kennt kein Geschlecht.

Frauen können in den Cyber/IT-Bereichen alles leisten, was ihre männlichen Kollegen leisten. Es zählt das Skill-Level, das Können und die Affinität gegenüber der Sache. Hier als Frau rausgeholt zu werden, um Teil eines Fotos zu werden, auf dem auch eine Frau zu sehen sein soll, wird von den Frauen, die ich kennenlernen durfte, als eher unsinnig empfunden. Und trotzdem ist es sinnvoll aufzuzeigen: Wir sind auch hier. Dieser Bereich ist nicht männlich. Kleine Mädchen und junge Frauen benötigen (mehr) Vorbilder in den Cyber/IT-Bereichen. Dabei gibt es sie: Von Informatikprofessorin Claudia Eckert über Cyberstaatsanwältin Jana Ringwald bis zur Cybersicherheitsexpertin Haya Schulmann.

 

Unsere Gesellschaft formt falsche Bilder

Wenn wir mehr Frauen in den Cyber/IT-Bereichen erleben wollen, müssen wir beginnen gesellschaftlich neu zu denken. Zwar sitzen Mädchen und Jungen im Schulunterricht zusammen und lernen Physik, Mathematik und Informatik gemeinsam – aber schon sehr viel früher wird vielen Mädchen subtil signalisiert, dass Naturwissenschaften „männlich“ und nicht weiblich sind.

Ich möchte ein einfaches Beispiel geben: Wenn Sie als Eltern Anziehsachen für Kleinkinder kaufen, erwartet Sie in den herkömmlichen Modeketten in Deutschland für Mädchen sehr viele pinkte, weiße und rosa Anziehsachen mit Motiven wie Einhörner, Regenbogen, Pferde und Blumen. Schaut man sich die Anziehsachen der Jungen an, meist in Braun-, Blau- und Grüntönen, sind diese bedruckt mit Waldtieren, Baustellenfahrzeugen, Müllabfuhr, Polizei und Feuerwehr, ABER – und jetzt wird es spannend – auch mit Robotern, Weltraummotiven und Computern. Wir werden optisch in die Welt der Technik entführt. Sehen Tastaturen und Raketen. Den Jungen wird daher subtil vermittelt, dass das etwas sein könnte, was sie interessieren könnte - oder sollte. Den Mädchen nicht. Und: Diese geschlechterspezifische Aufteilung von Inhalten beeinflusst nicht nur die Kinder, die diese Anziehsachen tragen, sondern natürlich auch deren Eltern, die diese Anziehsachen kaufen.

Wenn wir Fragen stellen, wie: Warum gibt es so wenige weibliche MINT-Absolventinnen? werden wir die Antwort nicht in den Bereichen finden, in denen die Expertinnen später (beispielsweise bei der Bundeswehr) eingesetzt werden. Wir finden die Antwort im gesellschaftlichen Umgang mit geschlechterspezifischen Themen- und Interessenzuteilungen sowie einer ausbleibenden Talentförderung von Kindern in jungen Jahren. Denn in Deutschland setzten wir, gerade an der Schule, noch immer auf das Prinzip: Wer die Hochschulreife möchte, muss ein Allrounder sein.

 

Talentförderung vs. Allrounder

Die Antwort auf eine steigende Komplexität, ist die Erhöhung von Expertise. In einer immer komplexer werdenden Welt, werden Fachlichkeit und Fachexpertise immer wichtiger. Gerade jetzt, wo Künstliche Intelligenz zunehmend in unseren Alltag und unsere Berufe Einzug nimmt. Ansprüche steigen. Es lohnt sich ein Blick auf den Sport und den Vergleich, mit welchen Leistungen heute oder vor zwanzig Jahren Goldmedaillen gewonnen werden konnten – der Unterschied ist gravierend. Ohne Spezialisierung geht es nicht mehr. Diese muss aber bereits in der Schule beginnen. Frühe Talentförderung bedeutet ein Fokussieren auf Ressourcen. Wir müssen hinterfragen, ob es wirklich notwendig ist, dass unserer Kinder drei Fremdsprache lernen, höhere Algebra verstehen und Reimschemata in Gedichten erkennen können. Müssen sie nicht viel eher früh entscheiden dürfen, was ihnen Spaß macht, wo ihre Talente liegen und in welchen Bereichen es sinnvoll ist, sie so früh wie möglich zu fördern? Also eine gesellschaftliche Vorprägung unserer Kinder, die sich mit ihren Interessen und Talenten beschäftigt und nicht damit, was wir im Rahmen eines vollen Schul-Curriculum von ihnen erwarten. Sollte uns in dieser Sache ein Umdenken gelingen, so bin ich mir sicher, werden wir nicht nur viel mehr Frauen in der IT erleben, sondern auch exponentiell mehr bahnbrechendere Ergebnisse in der deutschen Forschung – weit über die Cyber/IT-Bereiche hinaus.