Leseanleitung für Menschen, die Probleme haben Satire und Sarkasmus zu verstehen

 

Man kennt es von Kochbüchern: Anleitungen zum Verstehen des Inhalts. Küchenjargon übersetzt. Was macht man beim Demoulieren, Abschrecken, Spicken, Blindbacken oder Nappieren?

Nun stellt sich heraus, dass „Ich mag die Welt, so wie sie ist“ vielleicht auch besser einen Verstehens-Anhang hätte haben sollen. Eine Leseanleitung für Menschen, die Probleme haben Sarkasmus zu verstehen, Ironie zu erkennen und (etwas allgemeiner) differenzieren zu können zwischen Jammern, Kritisieren, aufmerksam machen und Beklagen.

Zunächst einmal: Schreiben aus der ICH-Perspektive bedeutet nicht, dass es sich beim Erzähler um den Autor handelt. Das lernen die Kinder im Deutschunterricht in der siebten Klasse. Warum verführt uns das Genre Lyrik dennoch so sehr zu denken, dass alles was der Poet sagt auch aus dessen subjektiven Innersten kommen muss? Warum denken wir das? Vielleicht, weil wir die auf Gefühlen basierende Lyrik gewöhnt sind: von Liebesleiden bis hin zum vor Freude springenden Herzen. Das alles gibt’s in „Ich mag die Welt, so wie sie ist“ nur sehr eingeschränkt. Der überwiegende Teil der Texte ist politisch oder sozial- bzw. Kultur-kritisch. Und alle Texte sind in der Ich-Form geschrieben. Dennoch bin das ICH ja nicht zwangläufig ICH…hm… Ein wenig brachialer: Stefanie Meyer ist nicht Vampir-Bella. Bei Joanna Rowling war das einfacher: natürlich ist sie nicht Harry Potter. Oder: Oskar Matzerath ist nicht Günter Grass, obwohl auch dieser die Geschichte des Blechtrommelspielers aus der Ich-Perspektive erzählt.

„Menschenprivilegien“ deutet die Verwirrung bereits an –

               in mir leben ohnehin mindestens acht Persönlichkeiten.

               zwei davon gehören hinter Gitter. eine in die Klapse

Trotzdem einmal gesammelt für all die sensiblen Beschwerdebriefeschreiber: Nein, ICH habe keine Nachbarin die Bulimie hat, also drucke ich da auch niemandem Statistiken aus. Ich höre kein Grindcore, telefoniere nicht mit der UNO, habe noch keine zwanzig Menschen an die Wand gestellt und erschießen lassen und bin auch nicht Befürworter einer Diktatur in Deutschland. Über dies hinaus bin ich weder mit Schopenhauer noch mit Derrida befreundet  - das mal unkommentiert: wer das nicht versteht, muss das mit sich selbst ausmachen. Und zu guter Letzt: Ich beobachte meinen Nachbarn nicht mit dem Fernglas und gehöre weder zur Avantgardia Nationale noch zu einem Provincial Reconstruction Team.

In einer der fragwürdigsten Rezensionen zu „Ich mag die Welt, so wie sie ist“ bezeichnet mich die Rezensentin als rechtskonservative, jammernde Menschenhasserin, die sich eine Diktatur in Deutschland wünscht und die Masseneinwanderung stoppen möchte, weil sie der Massenkultur, die es angeblich gar nicht gibt, nicht angehören möchte. - Wie sagte das mein Mathelehrer immer so schön zu mir: „Sie haben ja wohl nichts verstanden, junge Dame. Das ist alles falsch. Nun setzen Sie sich hin und schämen sich mal gewaltig eine Runde.“

Kritisiert zu werden kann konstruktiv sein - und ich liebes es Post zu bekommen - andere Meinungen regen zum Nachdenken an und fördern im Idealfall Austausch und Kommunikation, das war die ganze Idee hinter „Ich mag die Welt, so,wie sie ist“  – aber Kritik gründend auf Fehlinterpretation, Überempfindlichkeit und Unwissen ist durchaus frustrierend. Warum also das Risiko eingehen, dass sowas passiert? Warum Absurdes in einem Buch, das Politisches bespricht? Warum den Leser provozieren und verwirren? Schlagen wir online nach, gibt man uns an, dass es sich bei „Absurdität“ um ein seltsames oder widersprechendes Phänomen oder Vorkommen handelt, dem der Verstand des Einzelnen entgegen seiner Gewohnheit keinen Sinn oder im schlimmsten Fall auch keine Bedeutung zu verleihen mag. Nun, warum sind viele Sachen so absurd und undurchschaubar? Vielleicht, weil ich glaube, dass das heute Gang und Gebe ist. Transparenz nur, wenn das angebracht ist. Aber wann ist es angebracht? Wann profitieren wir von Transparenz?

Eugène Ionesco, der mit Sicherheit einer der prägendsten Autoren für meine Weltsicht war (und dem u.a. das Gedicht „lebensprägend: Buchstaben – eine Liebeserklärung an ein paar Große aus Vergangenheit und Gegenwart“ gewidmet ist), hat einmal gesagt

„Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht“.

Nun, für all die Menschen, die mir geraten haben, „Ich mag die Welt so, wie sie ist“ solle wenigstens einen Untertitel haben, der das Publikum seelisch auf das vorbereitet, was es zu verarbeiten hat: es wäre dieser - eben Ionescos Satz. Wer sich noch nicht an das Absurde in unserer Zeit gewöhnt hat, den wird „Ich mag die Welt, so wie sie ist“ nicht nur überfordern, sondern auch maßlos verwirren und dann ratlos zurücklassen.

Grundsätzlich wird es schwieriger, aber nicht unmöglich, die Texte zu verstehen, wenn man sich in den letzten Jahren nicht intensiv mit dem Weltgeschehen auseinander gesetzt hat. Hat man es doch, erhöht dies die Chancen beispielsweise zu verstehen, dass es bei „Selbstmord: Gründe und Realisierungsvorschläge“ um einen entlassenen Guantanamo-Häftling geht und nicht darum, wie ich, 29, in London, mir ausmale mein Leben zu beenden. Herzlichen Dank dennoch für die Hinweis von den Menschen, die mir vom Selbstmord abgeraten haben.

Das ist sweet. Ich empfehle: politische Bildung.