Reset. Ausgangslage: Die Enststehung von Führungslinie

März 2026. Mein Körper hat einen Ausschalter. Mein Verstand nicht. Da mein Verstand es in vier Jahren Dauerüberlastung nicht geschafft hat, mich davon zu überzeugen, dass Regeneration, Schlaf oder sogar Urlaub notwendig sind, um weiter auf gewohnt hohem Niveau arbeiten zu können, hat mein Körper die Kontrolle übernommen und mich einfach umfallen lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Auf den Boden. Aus.


April 2026. Ich habe entschieden, dass Schwäche nicht zu mir passt und kämpfe mich zurück in meinen Optimismus. Mein Körper hat allerdings die Oberhand: Wann immer ich es mit Arbeiten übertreibe, droht er mir an, mich wieder umfallen zu lassen. Der Schwindel in meinem Kopf ist allgegenwärtig. Ich bin ein Workaholic auf Entzug. Ich habe mein Gleichgewicht verloren. Mein körperlicher Zustand zwingt mich zum Reflektieren. Ich schwelge in Erinnerungen an alte Sehnsuchtsorte: Vor allem Bibliotheken. Die Ruhe und die klappernden Tasterturentöne. Ich habe mich bewusst gegen die Wissenschaft entschieden, um aktiver Dinge verändern zu können. Ich genieße das Privileg, tagein tagaus mit Soldaten arbeiten zu dürfen. Meine Arbeit erfüllt mich. Aber irgendetwas fehlt. Als Mensch bin ich wie eine Musikrichtung, in der man zwei komplett unterschiedliche Musikstile miteinander kombiniert hat. Ich muss diesen Zustand anpassen und schaffen, dass diese zwei Teile meiner Persönlichkeit nicht nur nebeneinander, sondern zusammen existieren können.

Ich empfinde eine große Dankbarkeit für meinen eigenen Zusammenbruch. Mein Körper hat mich gerettet. Er zwingt mich dazu, wieder klar denken zu müssen. Ich bin Meister im Optimieren. Es wäre doch gelacht, wenn ich es nicht auch an mir selbst praktizieren könnte: Mein eigenes Leben optimieren. Zunächst stelle ich alles in Frage und habe die verrücktesten Ideen, was ich nun mit meinem Leben anstellen sollte. Noch einmal studieren. Etwas anderes studieren. Komplett bei null anfangen. Leben umkrempeln. Vier Jahre habe ich auf Autopilot funktioniert. Zwischendurch bin ich Mutter geworden und habe das rational überhaupt nicht mitbekommen: Ich war viel zu beschäftigt damit, mich für eine ganze Personalgruppe in der Bundeswehr einzusetzen und auch im neuen Projekt zu Jahresbeginn wieder auf höchstem Niveau abzuliefern - und all das, ohne, dass jemand mitbekommt, dass sich mein privates Leben grundlegend verändert hat, Schlaf und Erholung zur Seltenheit geworden sind. Mein Mentor fragt mich, wann ich das letzte Mal etwas für mich getan habe und mir fällt nichts ein. Auch nach längerem Nachdenken nicht. Ich stehe mir selbst imaginär gegenüber und schüttel den Kopf: “Mensch, Sarah. Was ist los mit dir?


Mai 2026. Wäre Denken ein Sport, wäre ich Leistungssportlerin. Selbst nachts kann ich es nicht abstellen. Da führen mein Verstand und mein Unterbewusstsein laute Dialoge miteinander. So laut, dass ich davon manchmal aufwache. Nichts ist schlimmer, als mitten in der Nacht aufzuwachen. Dann schlafe ich nicht mehr ein, weil die Unterhaltungen in meinem Kopf einfach zu laut sind: Es geht von Höcksken auf Stöcksken. Ich bin gefangen in einer Gedanken- und Kenntnisschleife. Mein Gehirn greift nicht nur auf alles zurück, was ich tagesaktuell oder in der Vergangenheit erlebt habe, sondern entwickelt parallel auch permanent neue Ideen und Gedanken. In meinem Kopf sind immer mindestens sieben Tabs geöffnet. Es dürfte niemanden überraschen, dass ich immer mehrere Bücher parallel lese und viel mehr Angst vor Unterforderung als vor Überforderung habe. Ich überlege, ob das therapiebedürftig ist, verweife den Gedanken aber schnell wieder: Ich bin halt so. Es hat nicht nur Schattenseiten. Im Gegenteil.

Schritt 1. Ich muss mich sortieren und das gelingt mir am besten, indem ich schreibe. Menschen, die mich kennen, wissen, dass viel reden und kommunizieren auch kein Problem für mich darstellt: Beim Reden verliere ich allerdings schnell den Faden, drifte ab. Mein Kopf schiebt mir permanent neue Gedanken hinterher, die mein Mund schneller ausspricht, als mir manchmal lieb ist. Das überfordert manchmal meinen Gegenüber ebenso wie mich selbst. Beim Schreiben muss ich meine Gedanken sortieren. Der Leser muss die Ordnung, die ich im Text vornehme, nachvollziehen können. Das zwingt einen zu mehr Klarheit, auch sich selbst gegenüber. Schreiben hat etwas Therapeutisches. Eine erste Idee ist geboren.

Ich sammle weitere Erkenntnis zur Genese meines eigenen Zustandes und komme zu mehreren Resultaten.

1) Nur weil man Dinge gut kann, bedeutet das nicht, dass sie einem auch Freude bereiten. Und: Ich habe durchaus den Anspruch an mein Leben, dass es mir Freude bereiten sollte. Ich muss es selbst in die Hand nehmen. Diesen Schritt wird niemand für mich übernehmen.

2) Ich werde die Zeit, die ich mit meinem Sohn versäumt habe, in der ich zwar physisch anwesend war, im Kopf aber ständig mit anderen Dingen beschäftigt, nicht nachholen können, aber: Ich kann es ab jetzt besser machen. Für ihn da sein. Kompromisslos.

3) Ich brauche etwas Neues in meinem Leben: Eine neue Herausforderung. Überraschen sollte mich diese Erkenntnis nicht: Ähnlich wie bei vielen Soldaten, mit denen ich arbeite, brauche auch ich in regelmäßigen Abständen neue Herausforderungen in meinem Leben. Da ich entschieden habe, dass es nicht eine weitere Beförderung sein soll, ist es an der Zeit, herauszufinden, was diese Herausforderung sein wird. Hört sich einfach an - ist doch ziemlich schwer.


Juni 2026. Ich besuche ein Verlegerpaar, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Bücher (die sich auf unterschiedlichste Weise mit dem Militär auseinandersetzen) zu verlegen. Mein Instinkt hat mich zu ihnen geführt. Schreiben und Militär. Zwei bewusst gewählte Komponenten in meinem Leben. Hieße es an meinem Lebensende: Sarah hat ihr Leben dem Schreiben und Soldaten gewidtmet - damit könnte ich gut leben. Das Verlegerpaar gibt mir Einblick in die aufwendige Verlegerarbeit. Ich merke, dass ich die Beraterin in mir nicht ausknipsen kann. Auch, wenn mich kein Mensch nach meiner Meinung gefragt hat. Auf Anhieb finde ich Punkte, wie sie ihr Business drastisch verbessern könnten: Neue Zielgruppen erschließen, alternatives Lektorat, moderne Printoptionen, zeitgerechte Vermarktung, innovatives Websitenformat… mein Gehirn sprudelt. Da ich nicht eingeladen wurde, um den Besserwisser raushängen zu lassen, höre ich geduldig zu und halte den Mund. Parallel ärgere ich mich über meine Optimierungs-Besessenheit und freue mich über ihren Elan. Zum Schluss bekomme ich Bücher geschenkt. Eines wird einen weiteren Wendepunkt in meinem Leben auslösen.

Schritt 2 Ich beginne selbst wieder zu schreiben. Vier Romanideen liegen auf Eis. Seit Ewigkeiten. Ich beginne mit einem Sachbuch. Und ich lese wieder. Trotz Kleinkind. Jede Minute, die ich ergattern kann, wird gelesen. Ich kann nicht lesen, ohne zu urteilen: Es ist nicht der Inhalt, über den ich urteile, sondern das nicht ausgeschöpfte Potenzial bei Büchern. Ich halte es mit Sol Stein: Sind die ersten Seiten kein catch, gibt es von mir keine zweite Chance. Ich bin getrieben von einem nicht deaktivierbaren Perfektionswahn: Die größte Friktion zwischen mir und der Beraterwelt. Die Bücher, bei denen das Potenzial der Geschichte, ihrer Protagonisten oder der Erzählweise vollends ausgeschöpft sind, empfinde ich als Ruhepole.

Ich beginne die Soldatenautobiographie zu lesen, die ich geschenkt bekommen habe. Eine wuchtige Geschichte. Ich lese in die Nacht hinein und nehme die Müdigkeit am nächsten Tag in Kauf, weil ich gar nicht aufhören möchte, zu lesen. Je weiter ich im Buch komme, desto mehr ärgere ich mich, dass niemand den Mann unterstützt zu haben scheint, aus seiner wertvollen Geschichte ein ebenfalls literarisch wervolles Buch zu machen. Die Leserrezensionen zum Buch sind gut. Nicht, weil das Buch literarisch gut umgesetzt ist, sondern, weil die Leserschaft Respekt hat vor der Leistung des Autors. Ich frage mich, ob der Verfasser sich jemals gefragt hat, ob sein Buch hätte deutlich besser sein können. Nicht, weil seine Geschichte nicht gut ist, sondern, weil er das Potenzial seiner Geschichte in deren Darstellung nicht ausgeschöpft hat. Ich komme ins Denken. Überlege, ob ich ihn anschreibe. Ist das übergriffig? Macht es überhaupt Sinn? Sein Buch ist bereits verlegt. Es macht mich wütend, weil er etwas Wertvolles verschenkt hat. Seine Geschichte hat ein viel größeres Publikum verdient. Diese Chance hat er verschenkt. Manchmal kann man seine Geschichte nur einmal erzählen. Ich suche im Internet, welche Optionen er gehabt hätte, sich unterstützen zu lassen. Ich finde nichts. Aber die Idee zu Führungslinie ist geboren.


Juli 2026. Im Rahmen einer kostenspieligen Berufsberatung konnte ich die in den letzten Wochen zusammengetragenen Ideen bündeln und einmal der Kritik unbeteiligter Menschen aussetzen. Es wird Licht am Ende des Tunnels sichtbar. Ich stochere noch herum, aber mein Raum ist nicht mehr leer. Ich schiebe imaginär immer mehr Möbelstücke hinein, die nebeneinanderstehend Sinn ergeben. Ich bin zu der plakativen Erkenntnis gekommen, dass ich zwei Dinge in meinem Leben liebe: Das Schreiben und die Zusammenarbeit mit Soldaten. Am Rande hat man mir nahe gelegt, mich einmal mit ADHS auseinander zu setzen und eine mögliche Hochbegabung bestätigen zu lassen. Beides bringt mich bei der Formung meiner neuen Herausforderung nicht weiter, daher beschäftige ich mich nicht näher damit. Mit einem Blick auf die Kriege und Konfliktherde der letzten Jahrzehnte, entscheide ich mich, wie schon während des Geschichtsstudiums für die Moderne: KOnflikte ab XXX. Ich lese moderne Soldatenautobiographienn in jeder Minute, die ich erübrigen kann. Ich erinnere mich, wie gerne ich das schon immer tat und frage mich, warum ich irgendwann damit aufgehört habe. Grundsätzlich nicht schlecht, dass ich zwischenzeitlich alles von Frederick Forsyth und Don Winslow gelesen habe, aber jetzt fühlt es sich an, als wäre ich back to the roots und der große Bücherstapel auf dem Tisch löst bei mir weniger Druck als Vorfreude aus. Hier wächst eine Idee. Wie ein kleines Pflänzchen. Von Tag zu Tag ein Stück.


Tag 5 (August 2026) - Ich verschlinge Soldatenautobiographien. Mein Interesse ist strategischer Natur. Literarische Form. Bestseller, warum? Unterschiedliche Darstellung von Inhalten. Absicht des Autores. Ich analysiere Sprache, Tonalität, Atmosphäre, Publikumsresonanz. Ich bin keine Lektorin. Ich bin Dramaturgin. Ich schaue mir an, wie literarisch Regie geführt wurde. Kaum jemand weiß, dass es einst mein Traum war, der nicht in Erfüllung gegangen ist: Mit achtzehn war ich ein wandelndes Theaterlexikon und hatte nur ein Ziel: Theatherregie an der Folkwang Hochschule. Ich war zu jung. Trotz bestandenem Aufnahmetest fehlten mir vier Lebensjahre im Perso. Ein großzügiges Angebot der Kunsthochschule, den Studienplatz vier Jahre später ohne weitere Prüfung zu bekommen, schlug ich aus und ging studieren. Ein Bruch mit der Kunst. Mit dem Theater. Kaum jemand würde die Beratertätigkeit als kreatives Business bezeichnen und trotzdem glaube ich, das mir die Genese meines Lebens im Beruf jeden Tag zugute kommt. Seine erste Liebe vergisst man nie. Ich schreibe wieder. Lese Erlebnisberichte von Soldaten, in denen das Potenzial nicht ausgeschöpft wurde. Ich möchte, dass sie ein Publikum bekommen. Es schmerzt mich, Rohdiamanten in der Hand zu haben und Seite für Seite zu wissen, dass sie es immer bleiben werden. Niemand hat ihnen geholfen, Diamanten aus ihren Geschichten zu formen. Ist es arrogant anzunehmen, ich wäre die Person, die ihnen helfen könnte, Diamanten zu schleifen?


Tag 6 (September 2026) - Ich habe ein neues Websitekonzept erarbeitet und Domains gekauft. Ich recherchiere, wann immer ich Zeit finde. Ich lese. Und lese. Finde heraus, warum Soldaten Erlebnisberichte festhalten. Aus welchen Ländern es viele gibt und warum. Welche übersetzt und gut verkauft worden. Dann lese ich wieder. Finde heraus, welche Zeilgruppen es gibt. Denke viel nach über neue Zielgruppen, die ich erschließen möchte und meine eigene Motivation. Alles ist untermauert von meinem Idealismus. Der macht mich angreifbar, denn ich nehme es persönlich, wenn Menschen meinen Respekt für Soldaten nicht teilen. Aber er macht mich auch authentisch. Ich denke an einen Soldaten in Sandhurst, der sagte, “jeder Mensch sollte herausfinden, was er gut kann und diese Gabe dann zum Einsatz für andere bringen. Wie es der Zufall so will, bin ich gut darin, Ziele auch aus weiter Entfernung zu treffen, körperlich an meine Grenzen gehen zu können, Menschen zu führen und beschützen zu können. Du bist gut darin, dich mit Leuten wie mir zu unterhalten und das, was mir wichtig ist, so aufzubereiten, dass es von Menschen wahrgenommen wird, denen ich niemals begegnen werde, die aber trotzdem wichtig sind, damit ich zukünftig nicht nur das tun darf, was ich gut kann, sondern (in dem was ich tue) auch verstanden werde.” Ich überlege, ob er heute noch Soldat ist. Was ist aus den Offizieranwärtern geworden, mit denen ich damals gearbeitet habe? Ich werde es nicht erfahren.