Europäische Armee? Europäische Union?

Souveränitätsraubender Großstaat oder Friedensprojekt?

Sichtweisen deutscher und britischer Offizieranwärter auf Europas Zukunft, die Schatten der Vergangenheit und zukünftige Militärbündnisse im Rahmen einer Europäischen Armee

2010 verwies der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle auf die Vorteile eines europazentrierten, eigenständigen Krisenmanagements zur Stärkung der NATO. Vier Jahre später unterstützte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ebenfalls diesen Ansatz in Form einer zunächst auf Resourcenzusammenlegung (pooling) und -teilung (sharing) angelegte Militärkooperation, die sich in weiten Teilen bereits in der European Battlegroup wiederfinden lässt. Auch das Weissbuch 2016 hat die staatenübergreifende Vernetzung militärischer Belange wieder ins Zentrum der Weiterentwicklung von Deutschlands Rolle innerhalb der Europäischen Union gestellt. In Großbritannien und Deutschland gehen die Meinungen der angehenden Führungskräfte des Heeres gegenüber einem europäischen Verteidigungsbündnis jedoch weit auseinander. Das Ergebnis einer 2014 durchgeführten Studie mit 755 Offizieranwärtern an der Royal Military Academy Sandhurst und der Offizierschule des Heeres in Dresden spiegelt nicht nur die europaskeptische Position der Briten wider, (die 2016 ihren Höhepunkt im Brexit gefunden hat,) sondern auch die kritische Beurteilung deutscher Soldaten gegenüber einer Europäisierung militärischer Belange.

 

Einstellungen gegenüber einer Europaarmee

Mehr als die Hälfte der befragten deutschen und britischen Offizieranwärter konnte sich den Aufbau einer staatenübergreifenden europäischen Armee, die dazu dienen würde, die bestehenden nationalen Streitkräfte zu ergänzen, nicht vorstellen. Obwohl sich insgesamt mehr britische als deutsche Offizieranwärter die Schaffung einer Europaarmee vorstellen konnten, (s. Grafik) lehnten deutlich mehr britische (65%) als deutsche Soldaten (40%) ein solches Vorhaben ab.

Die Mehrzahl der britischen Offizieranwärter, die sich gegen die Etablierung einer europäischen Armee aussprachen, verwiesen auf Sprach- und Bildungsbarrieren zwischen den Soldaten europäischer Nationen und äußerten, dass sie sich nicht vorstellen könnten, von Offizieren anderer Nationen befehligt zu werden. Darüber hinaus stellten viele von ihnen die Kampfstärke einer Europaarmee in Frage, da sie die Berufsmotivation ihrer Kameraden zumeist auf nationale Motive zurückführten. Viele der britischen Soldaten konnten sich beispielsweise nicht vorstellen, während ihres Militärdienstes europäische und nicht primär britische Interessen zu vertreten. Die meisten der deutschen Offizieranwärter sahen in diesen Punkten hingegen keinen potenziellen Interessenskonflikt und verwiesen auf die bereits heute unter NATO-Mandat geführten Einsätze sowie gemeinschaftliche Interessen innerhalb des europäischen Staatenverbundes.

Sowohl britische als auch deutsche Offizieranwärter vermuteten, dass logistische sowie konzeptionelle Probleme die Realisierung einer Europaarmee erschweren würden: Die Soldaten beider Länder nahmen in dieser Hinsicht vor allem Bezug auf kulturelle und ökonomische Unterschiede in den verschiedenen EU-Staaten, Rüstungsprobleme und Souveränitätsansprüchesowie Stationierungsproblematiken, die sich negativ auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auswirken könnten.

Auffällig viele der britischen Soldaten sprachen von einer britischen Sonderstellung in Bezug auf die als europäische Einheitskultur verstandene Mentalität auf dem Kontinent, der sie sich nicht zugehörig fühlten. „Geographisch gehören wir zu Europa, aber mental empfinde ich Großbritannien als einen separaten Staat“, erklärte einer der britischen Offizieranwärter und fügte hinzu, dass viele Briten Angst hätten vor der Etablierung eines europäischen Großstaates. In einem solchen Staat, so der britische Offiziernachwuchs, wäre Großbritannien nur eines von vielen Ländern, was dem Großmachtanspruch des ehemaligen britischen Weltreiches nicht gerecht werde. Darüber hinaus befürchteten die Offizieranwärter in Sandhurst, dass es zu einer Auflösung der seit Jahrhunderten bestehenden britischen Militärtraditionen durch eine zunehmende Kooperation auf Europaebene kommen könnte.

Obwohl insgesamt mehr deutsche als britische Offizieranwärter der Etablierung einer Europaarmee positiv gegenüberstanden, verwiesen die deutschen Soldaten ebenso wie ihre britischen Kameraden auf zu große kulturelle Unterschiede zwischen den europäischen Nationen und ihre Angst vor einem „Einheitsbrei“, da die EU nach Aussage der meisten Offizieranwärter noch „in den Kinderschuhen steckt“ und „viele Europäer sich selbst noch nicht als Europäer wahrnehmen und demnach nicht auf Europaebene kooperieren“ könnten.

 

Gemeinsame Kampfausbildung für Offizieranwärter der europäischen Nationen?

Auch hinsichtlich der Kosten-Nutzen-Frage einer europäischen Streitkraft als Antwort auf den zum Zeitpunkt der Studie voranschreitenden Personalabbau und die Budgetkürzungen in vielen der europäischen Streitkräfte, standen deutlich mehr britische als deutsche Offizieranwärter der Schaffung einer Europaarmee gänzlich ablehnend gegenüber. Die größte Differenz zwischen den Einstellungen der Soldaten bezog sich auf die gemeinschaftliche Kampfausbildung für den Führungsnachwuchs europäischer Nationen: Während mehr als die Hälfte der deutschen Offizieranwärter ein gemeinsames Kampftraining für angehende Offiziere begrüßte, lehnte derselbe Anteil der Briten eine gemeinschaftliche Ausbildung strikt ab.

Akzeptanz fand die Zusammenlegung der Ausbildung angehender europäischer Offiziere bei den britischen Offizieranwärtern nur im Rahmen der unmittelbaren Einsatzvorbereitung. Viele der deutschen Offizieranwärter begrüßten hingegen eine gemeinschaftliche Basisausbildung im Staatenverbund, um ihre Interoperabilität zu steigern. Offizieranwärter beider Nationen, die eine Zusammenlegung des Kampftrainings für angehende europäische Offiziere des Heeres befürworteten, verwiesen auf die Möglichkeit, von den Stärken des Gegenübers lernen zu können und darüber hinaus ein besseres Verständnis für die kulturell geprägten Handlungsweisen ihrer zukünftigen Koalitionspartner zu entwickeln.

Vom Ausbau einer multinationalen Kameradschaft und einer Erlangung gleicher Standards im Rahmen eines solchen Trainings sprachen allerdings nur deutsche Offizieranwärter. Die Briten verwiesen zumeist auf die Gefahr eines potenziellen Identitätsverlustes der Armeen durch eine Zusammenlegung der Ausbildung sowie die Gefahr einer Offenlegung sensibler Daten und armeespezifischer Taktikszenarien gegenüber potenziellen Feindnationen. Der letzte Punkt wurde auch von deutschen Offizieranwärtern aufgegriffen, was darauf hindeuten könnte, dass ein Teil der britischen und deutschen Soldaten sich nach wie vor durchaus einen europainternen Krieg zwischen EU-Staaten vorstellen kann.

Die ablehnende Haltung der britischen Offizieranwärter gegenüber einem gemeinschaftlichen Militärtraining war nach Auswertung der Interviews allerdings nicht unbedingt immer auf ein allgemeines Desinteresse der britischen Soldaten an einer Kooperation mit Soldaten anderer europäischer Nationen zurückzuführen, sondern vielmehr auf deren Wahrnehmung einer dysfunktionalen Europäischen Union. „Jeder will es so machen, wie er es gewohnt ist und kaum jemand will seine eigenen Traditionen aufgeben, nur um im Kollektiv arbeiten zu können“, erklärte einer der britischen Offizieranwärter seine allgemeine Ablehnung gegenüber einem militärischen Verbund auf Europaebene.

Während ein großer Anteil des britischen Führungsnachwuchses in der europäischen Gemeinschaft ein zerstrittenes, instabiles Konstrukt sah, nahm die Mehrheit der deutschen Offizieranwärter die wachsende europäische Gemeinschaft als gewinnbringend und stärkend wahr. Ein Großteil dieser Wahrnehmungsdifferenzen ließ sich an den Geschichtsbildern der Offizieranwärter in Bezug auf Europas Vergangenheit festmachen.

 

Die Wahrnehmung Europas und der EU

Auf die Frage, was den Soldaten als erstes einfiel, wenn sie an die Geschichte Europas dachten, verwies der Großteil der Briten auf Krieg, Gewalt und Zerstörung sowie Uneinigkeit und Chaos, während die deutschen Offizieranwärter oftmals Begrifflichkeiten wie Gemeinschaft, Zusammenarbeit sowie ein Erstarken des Kontinents nach dem Zweiten Weltkrieg in das Zentrum ihrer Wahrnehmung von Europa stellten. Obwohl sich die Mehrheit der deutschen Offizieranwärter ebenso wie die britischen Soldaten nicht selbst primär als Europäer bezeichneten, nahm sich der deutsche Führungsnachwuchs weitestgehend als Teil Europas wahr und interpretierte das Zusammenwachsen der europäischen Staaten innerhalb der EU als Resultat der von Kriegen geprägten Geschichte des Kontinents. Nur wenige Briten teilten diese Einstellung: „Meine Wahrnehmung gegenüber Europa fußt komplett darauf, was ich über die europäische Geschichte weiß  ̶  das sind im Großen und Ganzen Kriege (…) quasi ein Kontinent, der feststeckt in einem Teufelskreis der Krisen.“

Besonders häufig verwiesen die angehenden britischen Offiziere auf ein Unverständnis gegenüber der europäischen Geschichte, die ihnen verworren, undurchsichtig und von Machtansprüchen und Konkurrenzdenken durchzogen erschien: „Das, was ich über Europa gelernt habe, erscheint mir wie ein großes Durcheinander. Jetzt könnte man sagen: In der britischen Geschichte ging es auch auf und ab  ̶  aber ich sehe da mehr Beständigkeit als bei der Geschichte Europas. (…) Vielleicht haben die Europäer gerade aufgrund all dieser Kriege, Krisen und Konflikte so etwas wie eine Identitätslücke, die sie mit ihrer Vorstellung von einem vereinten Europa zu füllen versuchen“, erklärte einer der britischen Offizieranwärter und ergänzte, dass Großbritannien diese europäische Mentalität meide, da es auf eigenen Füßen stehen wolle.

Mit Hinsicht auf die Entscheidung der Briten, die Europäische Union zu verlassen, deutete sich der Ausgang des im Juni 2016 abgegebenen Votums in Großbritannien bereits 2014 an: Im Gegensatz zu der Mehrheit der deutschen Offizieranwärter (71%), ging nur jeder Vierte der britischen Offizieranwärter davon aus, dass die Bindung ihres Landes mit der EU in den kommenden Jahren zunehmen werde. Ein ähnliches Ergebnis wurde hinsichtlich der Frage nach der Rolle der EU in militärischen Belangen erzielt: Während 62 Prozent der deutschen Offizieranwärter davon ausgingen, dass die EU in Zukunft auch eine größere Rolle in militärischen Belangen spielen wird, lehnten 44 Prozent der Briten eine solche Entwicklung ab.

„Großbritannien isoliert sich immer mehr von Europa. Grundlage dafür sind unbegründete Ängste. Trotzdem ist es trendy geworden, negativ über die EU zu reden und zu verlangen, dass wir wieder selbstbestimmt handeln können,“ berichtete einer der britischen Offizieranwärter im Interview im Winter 2014. Während den Offizieranwärtern in Sandhurst die Auslegung der britischen Geschichte in weiten Teilen als Fundament ihres Nationalstolzes diente, empfand die Mehrheit der deutschen Offizieranwärter die deutsche Geschichte als eine Art Lehrstunde: „Ich glaube Geschichte hilft uns zu erkennen, was wir nicht wieder wollen, nämlich einen Krieg der Nationen in Europa“ erklärte einer der angehenden deutschen Offiziere und einer seiner Kameraden ergänzte: „Ich muss nur den Geschichten meiner Eltern und Großeltern zuhören und es mit dem positiven Zustand jetzt vergleichen: die EU ist ein Friedensprojekt.“

 

Die Vergangenheit als Lehrstunde für die Gegenwart

Hinsichtlich der Frage, ob sich der moralische Unterbau deutscher Soldaten von dem der Soldaten anderer europäischer Nationen unterscheide, waren die deutschen Offizieranwärter gespalten: Während genau die Hälfte der 2014 befragten Soldaten angab, dass deutsche Soldaten aufgrund der deutschen Militärgeschichte einen anderen moralischen Unterbau hätten als Soldaten anderer Nationen, verneinte die andere Hälfte der Befragten diese Aussage. In Großbritannien gaben hingegen 65 Prozent der Offizieranwärter an, sich in ihrem moralischen Unterbau nicht von Soldaten anderer Nationen zu unterscheiden.

Viele der Offizieranwärter aus Großbritannien und Deutschland, die davon ausgingen, dass sie sich in ihrer moralischen Wahrnehmung nicht sonderlich von Offizieranwärtern anderer Nationen unterscheiden, konnten bereits militärische Vorerfahrungen aufweisen. Fast alle dieser Soldaten berichteten, dass sie im Kontakt mit Soldaten anderer europäischer Nationen zu der Erkenntnis gekommen waren, dass es kaum Unterschiede zwischen ihnen gäbe. Dies erklärt in Teilen auch die prozentualen Unterschiede bei der Beantwortung der Frage, da insgesamt mehr britische als deutsche Offizieranwärter bereits zu Beginn ihrer Offizierlaufbahn militärische Vorerfahrungen aufweisen konnten.

Bemerkenswerter Weise waren sich die britischen und deutschen Offizieranwärter, die annahmen, sich in ihren Moralvorstellungen durchaus von Soldaten anderer Nationen zu unterscheiden darüber einig, dass dies mit ihrer Nationalgeschichte und dem aus dieser gewonnenen Erkenntniswert zu tun habe müsse: Dabei argumentierten die Deutschen, dass sie aus Fehlern in der Vergangenheit, insbesondere in Bezug auf Deutschlands Rolle im Zweiten Weltkrieg, gelernt haben, ohne an dieser Vergangenheit selbst aktiv beteiligt gewesen zu sein. Die Briten argumentierten genau in die entgegengesetzte Richtung, indem sie das Vorgehen der britischen Streitkräfte im 20. Jahrhundert als weitestgehend moralisch korrekt einstuften und annahmen, dass sie infolgedessen als Nachfolger der britischen Offiziere des vergangenen Jahrhunderts in Zukunft ebenfalls moralisch korrekt handeln werden.

Es bleibt zu analysieren, ob sich diese Ergebnisse aufgrund der anhaltenden Flüchtlingskrise und dem Brexit-Entscheid der Briten verändert haben. Sollte der Ruf europäischer Politiker nach einer Europaarmee bestehen bleiben, läge es darüber hinaus nicht nur nahe, die Realisierungsmöglichkeiten einer solchen Armee in Zukunft eingehender zu prüfen, sondern auch sicherzustellen, ob die Soldaten und Offiziere der europäischen Nationen überhaupt willens sind, in einer solchen Armee zu dienen.

 

 

 

 

 

 

Autorin

Sarah Katharina Kayß, Jahrgang 1985, Promotionsstudentin am War Studies Department am King’s College London, hat Geschichtswissenschaften und Vergleichende Religionswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und britische Kolonialgeschichte am King’s College London studiert. In ihrer Dissertation hat sie sich mit Geschichtsvorstellungen und deren Einfluss auf die Berufsentscheidung deutscher und britischer Offizieranwärter des Heeres beschäftigt.

Zusammenfassung

Im Weißbuch 2016 wird die effektiv vernetzte Sicherheitspolitik im Rahmen einer gemeinsamen Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsunion als Fernziel Deutschlands bezeichnet. Die Ergebnisse einer 2014 vorgenommenen Studie mit deutschen und britischen Offizieranwärtern zeigten jedoch auf, dass die zukünftigen Offiziere Deutschlands und Großbritanniens einer wachsenden Kooperation auf Europaebene kritisch gegenüberstehen. Während die deutschen Offizieranwärter vor allem die Realisierungsmöglichkeiten einer Europaarmee ins Zentrum ihrer Kritik stellten, bangten die angehenden britischen Offiziere um Souveränitätsansprüche und den Verlust von über Jahrhunderte gewachsenen Militärtraditionen als Resultat des potenziell voranschreitenden Ausbaus eines gemeinschaftlichen Verteidigungsbündnisses.